Gäbe es Ostern nicht, den Glauben an die Auferstehung Jesu, wäre alles umsonst. So ähnlich sagte mir eine Frau im Trauergespräch. Ihr Mann war verstorben, und sie fand in diesem österlichen Gedanken Trost. In der Eucharistiefeier zur Beerdigung sang sie aus vollstem Herzen Osterlieder, ihr Gesicht strahlte Zuversichtlichkeit aus. Wir wählten als Lesung 1 Kor. 15, 14 aus, wo es heißt: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.“ Wie leer, das können all die erzählen, denen der Osterglaube Kraft gibt.
Ostern: wir glauben, das Leben geht weiter, auch wenn wir darüber kaum etwas wissen, genauer gesagt gar nichts. „Es ist noch keine*r zurückgekommen“ sagen wir mitunter.
Wir haben Verheißungen, den Glauben anderer Menschen. Wir haben Hoffnungen. Und diese nicht ohne Grund: wir hoffen mit allen, die in diesem Leben nie eine richtige Chance bekommen haben, die gehen mussten, bevor sie sprechen konnten, die gehen mussten jung an Jahren oder vom Leben benachteiligt, die ein trauriges Leben hatten, unerfüllt, karg, lichtlos, denen ihr Leben genommen wurde oder zerstört. Mit ihnen hoffen wir, dass sie nicht verloren sind.
Und natürlich erhoffen wir es für uns selbst: alles Rätselhafte in unserem Leben, alles Ungesagte, alles Fragwürdige braucht eine Antwort, einen bleibenden Sinn. Wir erhoffen das ewige Leben als Erfüllung.

Allerdings geht es in den Osterevangelien um all das zunächst nicht.
Eigentlich lesen wir in ihnen, wie die Frauen, die Jüngerinnen und Jünger Jesu einen Weg finden, ihre Angst zu besiegen, ihre Verschlossenheit aufbrechen zu lassen. Sie finden sich ermutigt und bestärkt, in dem gekreuzigten Jesus dennoch den Sieger zu sehen, sie finden sich ermutigt und bestärkt, Glaubenszuversicht und gelebte Menschlichkeit unabhängig zu sehen vom Beifall oder vom vernichtenden Urteil der Mehrheit und Masse. Der Verlierer in den Augen der Welt trägt den Sieg davon. Der mit einem lauten Schrei aus der Welt Scheidende, der Verlachte und Verspottete, der Getretene und seiner Würde Beraubte, der Gescheiterte beginnt „mit Ostern“ oder an Ostern neu zu den Menschen zu sprechen. Oder anders ausgedrückt: Ostern wird, wenn die Gescheiterten gehört werden.

Die erste Botschaft von Ostern, die zentrale Osterbotschaft ist an dieses Leben gerichtet. Hier soll sie Menschen treffen. Wir werden nicht mit einem wie auch immer gedachten Jenseits „vertröstet“ (so trostvoll ein solcher Gedanke sein kann), wir werden in die Welt geschickt. In ihr entscheidet sich, was uns Ostern bedeutet: ob wir den Worten Jesu Glauben schenken, sie in unserem Leben aufleben lassen, ob wir im Grunde also den Worten Jesu Lebendigkeit verleihen, sie Gestalt annehmen, Fleisch werden lassen.
Ostern wird nicht durch sich selbst glaubwürdig, sondern durch Menschen, die ihr Leben von Ostern her leben.

Ich glaube, die Botschaft von Ostern hat es deswegen in unserer Zeit nicht leicht, weil wir sie eher und mehr als eine Verheißung des ewigen Lebens sehen und weniger als eine, die den Aufstand des Lebens beschreibt, das Einstehen und Aufstehen für das, was Jesus gelebt hat: Barmherzigkeit, Versöhnung, Menschenfreundlichkeit.
Er hatte eben nicht sein eigenes (ewiges) Leben im Sinn, sondern das (diesseitige) Leben der anderen: dafür öffnet er dem Blinden die Augen, dafür schenkt er dem Tauben Gehör, dafür lässt er den Lahmen gehen. Und selbst die Auferweckung des Lazarus ist eine in dieses Leben hinein, nicht in ein Leben nach dem Tod. Er ruft ihn aus seiner Grabhöhle heraus, neu hinein in seine Umgebung und in seinen Alltag.
Ostern feiert darum, wer die Gegenwart im Blick hat: das Leben der Müden und der sich Verlaufenen, das Leben der Traurigen und der Ausgegrenzten, das Leben derer, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen, das Leben der schuldig Gewordenen und der Verzweifelten. Wir feiern nicht für uns selbst.

Manchmal fällt es mir schwer, wie wir unsere christlichen Feste feiern. Wir wiederholen die ewig gleichen Aussagen, wir kreisen um uns selbst. Die Frage, ob das, was wir feiern, eine Relevanz für alle Menschen hat (denn so verstehe ich Christ sein: eine Botschaft für alle), wiegt schwer.
Die Menschen, die Jesus nachfolgten, spürten bei ihm etwas. Und sie nahmen ihm ab, wie er von Gott sprach. Sie glaubten ihm seinen Gott. Es war für sie offensichtlich, es war für sie erlebbar, wie ihn sein Glaube alltäglich prägte.
Nimmt man uns ab, wie wir von Gott sprechen? Nimmt man uns Gott ab?
Verlieren wir uns nicht in formellen Fragen und Sachen, in der rechten Formulierung von Bekenntnissen, in Fragen, die das Erscheinungsbild der Kirche betreffen? Bringen wir lieber unseren Kindern das korrekte Kreuzzeichen bei und erzählen ihnen nicht, was es uns bedeutet, das Kreuz als Siegeszeichen?

Mitunter treten heute Menschen aus den Kirchen aus, weil sie einen lebendigen, einen einladenden Glauben vermissen. Sie stoßen sich an einer erstarrten Form und engagieren sich lieber in sozialen Einrichtungen, leben das, was sie vom Evangelium verstanden haben. Irgendwie scheinen sie zu verstehen, dass das Christentum kein Verein mit Mitgliedern ist, keine Lehre, keine Religion, keine Angelegenheit einer spätjüdischen Reformsekte.
Sie scheinen zu ahnen, das es jeden Menschen betrifft, und zwar als Haltung. Diesen Anspruch nimmt es sogar wörtlich ein, wenn Jesus am Ende des Matthäusevangeliums die Apostel aussendet, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen.
Jünger Jesu ist – realistisch gesehen -, wer mit manchen Worten Jesu etwas anfangen kann, wer sie zu leben versucht: die Versöhnung, die Feindesliebe, die Bitte, nicht zu verurteilen, die Vergebung gerade auch da, wo nichts wieder gut zu machen ist, das Vertrauen in Gott, der mütterlich ist.
Die Botschaft Jesu hat allen Menschen etwas zu sagen, sie dient aber nicht als Zankapfel zwischen Menschen und Religionen.
Ostern beginnt da (wieder) zu sprechen, wo wir Jesus in unser Leben hineinlassen. Wer Jesus in sein Leben hineinlässt, lässt den herein, der sich an der Bedürftigkeit der Menschen orientiert, nicht primär an ihrer religiösen Zugehörigkeit. Nicht umsonst stellt er einen Samariter als Vorbild dar im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, grenzt ihn sogar ab vom Priester und Leviten.
Wenn wir es nicht vermögen, die Osterbotschaft so zu formulieren, so zu übersetzen, so zu leben, dass sie Menschen unabhängig von ihrer christlichen Konfession, sogar unabhängig von ihrem religiösen Bekenntnis „etwas“ zu sagen hat, verliert sie mehr und mehr für uns selbst an Bedeutung und Relevanz.

Karl Rahner hat das Wort vom „anonymen Christen“ geprägt. Da, wo Menschen etwas von dem leben, was wir in Christus ganz glauben, selbstlose Liebe, die Werke der Barmherzigkeit, sind Menschen, die vielleicht gar nicht an Gott glauben, aber dennoch Nächstenliebe in der Weise leben, wie sie Jesus verkündigt hat, auch wenn sie gar nichts darüber wissen, dass Jesus gepredigt hat, was sie zu leben versuchen.
Glaube wird dadurch glaubwürdig, dass man ihn lebt. Auf der Straße. Im Alltag. Was wir sonntags singen und beten hat für andere erst dann Bedeutung, wenn es unser Herz, unser Leben prägt, wenn es unsere Haltung verändert und formt am Bild Jesu. „Bilde unser Herz nach deinem Herzen“ lautet ein altes „Herz-Jesu-Gebet“ und hat das göttliche Herz voll von Güte und Erbarmen im Blick.
Im vergangen Jahr wurde kurz vor Weihnachten im WDR (in der Sendung Markt am 18.12.2019) ein Beitrag gesendet, in dem es um Wirtschaften fürs Gemeinwohl ging. Gezeigt wurden in dem Beitrag Menschen und Einrichtungen, die nicht nach der Maxime arbeiten: immer mehr Geld, immer reicher werden, so billig wie möglich produzieren, Umweltzerstörung für Gewinnmaximierung in kauf nehmen, sich gegenseitig vom Markt drängen, bis nur die stärksten übrig bleiben.
Dieses Prinzip kennen wir zwar formuliert seit Charles Darwin als Überlebensstrategie der Natur, der stärkste siegt, sehen aber auch gleichzeitig, dass ein solches Prinzip am einzelnen kein Interesse hat. Die Menschen und Einrichtungen, die in der „Gemeinwohl-Ökonomie“ arbeiten, haben meiner Meinung nach ganz viel von Ostern verstanden, wenn sie das gute Leben für alle in den Blick nehmen. Sie haben ganz viel von Ostern verstanden, weil sie nicht an den Sieg des Stärksten glauben. Ostern ist wirklich, wenn es keine Gewinner und keine Verlierer mehr gibt sondern die eine Gemeinschaft.

“Am dritten Tage auferstanden von den Toten”: Ostern hat – wie alle anderen Sätze im Glaubensbekenntnis – Bedeutung als Lebenssatz, nicht als Lehrsatz in Abgrenzung von anderen, denen dieser Glaube vielleicht schwer fällt, sondern sie einbeziehend, in dem wir darüber reden, was Menschen füreinander erhoffen, was ihnen Lebenskraft ist, wie sie mit Scheitern umgehen, was für sie stark oder Stärke ist. Jesus, dessen Sieg wir Ostern feiern, hat Menschen nicht zunächst nach ihrer Rechtgläubigkeit gefragt, er hatte ihr Leben im Blick; seine Sorge war, dass sie lernen, aufrecht zu gehen, auf eigenen Füßen, sehend zu werden mit eigenen Augen.

Vielleicht machen wir als Glaubende, vielleicht begehen wir in der Kirche schnell einen Fehler. Wir wollen immer sofort das ganze, den ganzen Glauben und fragen ihn sogar ab (etwa vor dem Empfang des Sakramentes der Firmung oder der hl. Kommunion). Ich möchte es nicht ausschließen, dass sich der historische Jesus verwundert die Augen reiben würde im Hören über all das, was Menschen im Lauf der Zeit von ihm gesagt haben, was in die Lehrsätze und in die Praxis der Kirche eingegangen ist. Dieser „Ganzheitswahn“ entspricht für mein Empfinden nicht dem, was wir mit Tod und Auferstehung Jesu verbinden.
Bezeichnenderweise haben wir für diesen Glauben, der vom Fragmentarischen lebt, ein starkes Zeichen, ein österliches sogar. In jeder Eucharistiefeier wird Brot gebrochen. Natürlich dürfen wir dabei die Worte aus dem Evangelium der Emmausjünger im Ohr haben: Sie erkannten ihn, Jesus, als er das Brot brach.
In unserer Jagd nach Ganzheitlichkeit auch im Glaubensleben werden wir im Brotbrechen mit einer Aussage konfrontiert: Das Ganze ist im Teil enthalten. Der Leib des Herrn zerbricht in zahllose Teile, aber in jedem Teil ist er voll da. Das korrespondiert im Grunde mit dem, was Frere Roger, der Gründer und Prior der ökumenischen »Communauté de Taizé« einmal gesagt hat: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“
Genau das drücken wir im Zeichen des Brotbrechens aus: Besser ist es, im Teil ganz zu sein als im Ganzen nur teilweise.
In der Kirchengeschichte scheint sich das verändert zu haben: Die Ansprüche an den Glauben und an die Glaubenden wurden immer höher,
das Fragment, das Bruchstück scheint nicht mehr zu genügen. Der Senfkornglaube ist zu wenig geworden – ganze Glaubensbekenntnisse werden abgefragt, Voraussetzungen sind zu erfüllen, um den ganzen Jesus im gebrochenen Brot zu empfangen. Offensichtlich trauen wir dem Bruchstück nicht mehr, alles muss perfekt sein.
Das gebrochene Brot, das Zeichen, in dem die Jünger den auferstanden Herrn erkennen, sagt mir: für dich wird Ostern, wenn du dem wenigen, das dir einsichtig ist, vertraust. Denn darin ist alles schon enthalten, es setzt dich auf die Spur des Ganzen.
Ostern hat nicht das Ende im Blick aber den Anfang.

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