3. Advent 2025 A
Die Steppe wird blühen.
Ach, das wäre schön.
Erleben wir global nicht das Umgekehrte,
dass unsere Erde immer trockener wird,
dass Dürre und Wassermangel zunehmen?
Die Antarktis nicht eingerechnet
bedecken Trockengebiete 40 Prozent der Landfläche der Erde.
Und das Wasser, wenn es als Regen fällt, kommt nicht sanft wie der Tau,
der Boden kann es nicht aufnehmen.
Extreme nehmen zu.

Verwunderlich, dass das Zunehmen von Extremen
gegenwärtig unsere Gesellschaft nicht minder bestimmt?
So extrem, dass die lebensunfreundlichen Orte zunehmen,
nicht nur auf unserem Globus, was den Wassermangel betrifft,
auch im Miteinander oder eher Gegeneinander?
Im Bekämpfen mit Worten, im Niedermachen von Meinungen,
im Abwerten von Menschen?
Die Trockenheit macht auch vor dem eigenen Leben nicht halt:
Vieles geht ein, blüht nicht mehr, ist verbrannt, trocken geworden,
hat seine Zeit hinter sich.

Trostlos.
Eigentlich ist das Advent: Den Tau aus Himmelshöhen herbei flehen,
weil es so dürr ist, so spröde, weil die Quellen versiegt sind.

Die Steppe wird blühen. – Was für ein Traum.
Generationen von Menschen träumen ihn:
Einmal wird es sein…
Einmal werden die Waffen schweigen,
einmal wird niemand mehr einsam sein,
einmal werden Wunden geheilt sein,
einmal wird die Sonne nicht mehr untergehen,
einmal werden Menschen nicht mehr verzweifeln,
einmal wird die Tafel für alle gedeckt sein.

Bei seiner ersten Rede nach der Wahl sagte Papst Leo:
„…und das Böse wird nicht siegen!“
Wir brauchen solche Worte,
weil so vieles auf der Welt anderes befürchten lässt;
wir brauchen solche Worte, weil sie andere Perspektiven schenken.

Die Steppe wird blühen. – Was für ein Traum.
Träume transportieren Hoffnung und stiften Kraft, die am Leben bleiben läßt.
Träume und Verheißungen sind wie Lilien in der Wüste,
wie Rosen tragende Dornen.
Sie lassen uns vernehmen, was wir sonst nicht hören;
sie bringen Botschaften, worauf wir nicht kommen.

Die Steppe wird blühen.
Manchmal erfahren wir das, wenn uns in der Trauer Erinnerungen wärmen.
Manchmal erfahren wir das,
wenn Worte entwaffnen und wirkliche Begegnung ermöglichen.
Manchmal erfahren wir das, wenn nach aussichtslosen Verhandlungen
doch noch ein Durchbruch möglich ist.
Manchmal erfahren wir das, wenn uns ein Augenblick, eine Musik,
ein Gedicht, ein Schweigen besonders berührt.

Das Buch Jesaja ist über einen Zeitraum von 400 Jahren entstanden.
Ein Zeitraum mit vielen Tränen,
mit sengender Mittagshitze und Alltagsglut,
in der die Erfahrung von Tau lange verdunstet ist;
ein Zeitraum, in dem – wie heute – unzählig oft der Ruf „Ich kann nicht mehr“
gen Himmel gedrungen ist,
Tränen und Blut die Erde getränkt haben.
Dennoch oder gerade deshalb weht uns mit den Worten des Propheten
ein Trostwind entgegen:
Die Steppe wird blühen –
sie wird nicht nur blühen, sondern auch jauchzen.

Wie anders als mit Hoffnung soll Leben möglich sein?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesaja oder alle,
die unter seinem Namen geschrieben haben, mit ihren Hoffnungsworten
nur Zustimmung gefunden haben;
vermutlich waren sie auch einzelne Stimme gegen die Vielen,
die Hoffnungslosen, die Ermüdeten;
und dennoch finden sie Gehör bis heute und wecken Zuversicht.

 

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