3. Fa-so A 2026
Niemand kann den zweiten Schritt vor dem ersten tun.
Erste Schritte sind entscheidend.
In der Brunnengeschichte ist für mich der erste Schritt,
dass sich zwei Menschen dort einfinden, die Durst haben.

Bevor wir zu rasch in die Tiefe gehen,
braucht es an dieser Stelle einen Moment zum Verweilen.
Durst verbindet die beiden am Brunnen – eine menschliche Bedürftigkeit.
Verlaufen menschliche Begegnungen und Gespräche nicht anders,
wenn das Verbindende am Anfang steht?
Daran anzuknüpfen, was Menschen gemeinsam haben,
lässt sie schneller zueinander finden kann wie ein Fundament sein.
Ich glaube, viele Auseinandersetzungen, viele Konflikte
kämen nicht zustande oder fänden eine friedliche Lösung,
wäre weniger das Verschiedene sondern das Gemeinsame im Blick.

In diesem Evangelium hat das Verschiedene keine Bedeutung:
Weder die Verschiedenheit zwischen Frau und Mann,
noch die zwischen Jude und Samariter
und auch nicht die der sozialen Differenz.
Was für uns wie eine Zufallsbegegnung klingt nach der Devise:
Man trifft sich am Brunnen, ist weitaus mehr.
Denn es war für einen jüdischen Mann absolut unüblich,
in der Öffentlichkeit allein mit einer fremden Frau zu sprechen.
Jesus sieht in der Frau nicht „das andere Geschlecht“,
sondern ein Gegenüber mit Verstand, Fragen und einer Geschichte.
Er sagt dieser Frau und allen Frauen und Männern:
Deine Stimme zählt. Deine Fragen sind wichtig. Du musst dich nicht verstecken oder um Erlaubnis bitten, um geistlich präsent zu sein.
Im übrigen: Jesus macht diese Frau zur ersten Evangelistin,
die ihr ganzes Dorf in Bewegung setzt.

Dann vermerkt der Evangelist ausdrücklich:
„Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.“
Aber der traditionelle Hass zwischen Juden und Samaritern
ist für Jesus kein Thema.
Juden und Samariter benutzten nicht einmal dasselbe Geschirr.
Jesus bittet die Frau sogar um Wasser aus ihrem Krug.
Bedürftigkeit ist größer als alles andere.

Und die Frau kommt zur Mittagszeit zum Brunnen –
eine Zeit, in der man die Hitze normalerweise mied.
Dies deutet darauf hin,
dass sie die Begegnungen mit anderen Dorfbewohnern entgehen wollte
und eine soziale Außenseiterin war.
Nach moralischem Standard der Zeit galt sie „verbraucht“ und ausgestoßen. Jesus kennt ihre Geschichte – er spricht sie sogar darauf an
oder genauer: Er benennt sie.
Aber er nutzt sein Wissen nicht, um sie zu richten,
sondern um sie zu befreien.
Gott sieht nicht auf unsere Brüche, sondern auf unseren Durst.

Ein Detail könnten wir schnell überlesen,
nämlich dass die Frau ihren Krug am Brunnen stehen lässt.
Der stehen gelassene Krug markiert den Moment,
in dem aus einer Suchenden eine Botin wird.
Sie lässt ihre Last zurück, um ihre neue Freiheit zu verkünden.
Sie geht ihren Weg von nun an erleichtert,
denn sie hat erfahren, dass jemand wirklich sie sieht,
nicht ihr Geschlecht, nicht ihre Religionsform, nicht ihren sozialen Status.
Und dieser Blick verändert alles.

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