A 5.Fa-So 2026
Komm heraus.
Unsere Rufe dringen nicht überall hin.
Vielleicht sind sie nicht immer kräftig genug, nicht immer einladend genug,
nicht immer bewegend genug.
Vielleicht sind aber auch die Höhlenwände zu dick,
die Situationen zu undurchdringlich, die Verschlossenheit zu groß.
Unsere Stimmen, unsere Worte sind begrenzt.
Manches verändern sie, manches schaffen sie neu, manches lösen sie aus.
Wir öffnen uns, wenn wir das Gefühl haben: Es könnte gehen.
Wir kommen aus uns heraus, wenn wir uns ganz sicher fühlen.
Wir treten hervor, wenn wir uns gerufen wissen.
Ansonsten suchen wir Schutz, verschließen uns, ziehen uns zurück,
meiden Begegnungen.
Woran was genau liegt, können wir nicht sagen.
Lazarus war krank.
Wir wissen nicht, was er hatte,
aber es wird zu Beginn gleich mehrfach erwähnt, dass er krank ist.
Vorgestellt wird er uns als Bruder zweier Schwestern,
in einem Dorf wohnend, das als Dorf der Maria und Martha bezeichnet wird:
Zwei bedeutsame und starke Frauen – wie wir wissen.
Wir als Hörende oder Lesende sollen erfahren:
Lazarus lebt nicht allein, sondern familiär eingebettet als Bruder.
Dass er eine Frau hatte, wird nicht überliefert, obwohl Legenden vermuten, dass er zu diesem Zeitpunkt schon 30 Jahre alt war.
Fast wirkt es so, als lebte er im Schatten seiner Schwestern,
von denen der Evangelist viel mehr berichtet.
Und: Alle reden über Lazarus, von ihm selbst hören wir kein Wort.
Jesus reagiert nicht sofort.
Und es scheint mehr zu sein als ein in Kauf nehmen, dass Lazarus stirbt.
Manchmal sagen wir, manchmal wissen wir, dass Neues erst wird,
wenn Altes wirklich abgeschlossen ist.
Und davon dürfen wir ausgehen, dass das Leben des Lazarus neu ward.
Jesus wird ihn nicht in sein altes Leben zurückgerufen haben,
das wäre ja nur eine Verlängerung und alles ging so weiter wie bisher.
Für lebensverlängernde Maßnahmen sind Ärzte zuständig,
für lebensverändernde oder lebenserneuernde Jesus.
Als er zum Grab des Lazarus geht,
bittet er, den Stein vor der Höhle wegzunehmen.
Der Stein steht für Abschluss, für Ende, für Begraben.
Der Zugang zu ihm ist versperrt – vielleicht nicht nur in diesen 4 Tagen,
die er dort schon bestattet ist;
vielleicht schon länger, so dass ihn nichts und niemand in seiner Krankheit,
in seinem Leben wirklich erreichte, erreichen konnte.
Komm heraus.
Der Ruf Jesu dringt in die dunkle Höhle.
Der Ruf Jesu erreicht Lazarus –
auch und gerade da, wo alle ihn aufgegeben haben.
Und – wie widersprüchlich – obwohl die Füße des Lazarus
mit Binden umwickelt waren, kommt er aus der Höhle.
Er muss vor der Höhle erst „entbunden“ werden,
um erneut ins Leben zu treten.
Die alten Binden, die alten Etiketten müssen weg.
Ob es zu viel gesagt ist, dass ihm die Schwestern, die Angehörigen
nun eine Freiheit schenken müssen, die er zuvor nicht hatte?
Jedenfalls kann Lazarus nur durch das Dazutun der anderen
auf eigenen Füßen stehen und gehen.
Sie werden zu Beteiligten seines neuen Lebens,
zu Geburtshelferinnen und Geburtshelfern.
Lasst ihn weggehen – sagt Jesus.
Lasst ihn eigene Wege gehen, lasst ihn los.
Das Wunder ereignet sich darum nicht nur an Lazarus,
auch an allen anderen, die ihn nicht den alten sein lassen,
sondern ein neues Leben ermöglichen.
Der Gedanke des ,,entbinden“
findet bei mir eine neue Be-
deutung. Ein eigenständiges
Leben führen dürfen, aber zuvor die Hilfe eines anderen Menschen
erfahren.
Danke für die immer wieder
neuen Weggedanken. Sie erschließen mir meinen Weg
zu Gott.