Kreuzerhöhung 2025
Erhöhen – anschauen – nicht weg gucken.
Mit diesen knappen Worten kann man das heutige Fest beschreiben –
aber nicht nur das heutige Fest.

In der Regel sehen wir gerne das Schöne, das Beglückende, das Lichtvolle.
Mit diesem Fest wird unser Blick auf das Kreuz gelenkt
und damit auf das Dunkle, auf das Unschöne, auf das Bedrängende.
Der Text aus dem Ersten Testament bereitet diesen Blick vor:
Mose soll eine Feuerschlange an einer Stange aufhängen.
Das, was den Tod bringt, das was Angst macht,
das, was beißt und angreift, soll so für alle sichtbar sein.
Im Grunde steckt dahinter die Erfahrung,
dass das Angstmachende nicht dadurch geringer wird,
indem wir wegschauen oder es wegdrücken, sondern indem wir hinschauen.
Im 20. Jahrhundert formuliert der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung:
„Nur was ich annehme kann ich verändern.“

Wegsehen oder nicht hinschauen räumt das Angstmachende,
räumt den Tod nicht aus der Welt.
Nicht das in den Blick nehmen, was mir unangenehm ist, löst kein Problem.
Mit der an einer Stange aufgehängten Kupferschlange
sieht das Volk Israel dem Tod ins Auge –
ein Blick sozusagen ins reale Leben, das jederzeit vom Tod bedroht ist.

Erhöhen – anschauen – nicht weg gucken –
eine Haltung, die Folgen hat nicht nur für mich
sondern auch für das Zusammenleben.
Denn eine Gesellschaft, die nur auf die Schönen und Reichen schaut,
wird unmenschlich.
Eine Gesellschaft, die die Augen verschließt vor Elend mitten unter ihnen,
erkaltet.
Eine Gesellschaft, die nicht die Not hoch aufhängt, weil sie bedrückt,
wird selber daran zu Grunde gehen.
Eine Gesellschaft, die niemanden hat, der eine Kupferschlage aufhängt,
stirbt.

Eigentlich erinnert uns jedes Kreuz daran und sagt:
Blend das Schwache und das Erbärmliche nicht aus –
schau vielmehr darauf und geh davon, geh vom Kreuz aus.
Und das Kreuz zeigt uns,
zu welchen Grausamkeiten Menschen in der Lage sind,
es stellt uns Gewalt und Tod vor Augen.

In der Spätantike und im frühen Mittelalter scheute man sich,
Jesus am Kreuz zu zeigen, zu entehrend und grausam,
zu ekelerregend und abstoßend galt die Kreuzigung.
Relativ schnell setzte darum vermutlich wohl auch die Entwicklung ein,
das Kreuz nicht mehr als Schandpfahl darzustellen
sondern als Siegeszeichen.
Entsprechend wurden romanische Kreuze
meist mit einem triumphierenden und gekrönten Christus dargestellt.
Ab dem 10. Jahrhundert rückte dann
eher der leidende und sterbende Jesus am Kreuz stärker in den Blick.

Ob das heute fast inflationär gewordene Kreuzzeichen dies leisten kann,
nicht nur an das Leiden Jesu zu erinnern,
sondern an das Leiden generell?
Ob das heute fast inflationär gewordene Kreuzzeichen bewegt,
das Schwere, das Unangenehme und Tödliche nicht auszublenden,
sondern anzuschauen und anzunehmen,
damit ein anderer Umgang damit möglich wird, vielleicht sogar Wandlung?

Erhöhen – anschauen – nicht weg gucken.
Unser Glaube sagt uns, dass der Weg zur Auferstehung, zum Leben
nur durch die Annahme des Kreuzes geschieht.
Den Satz von Carl Gustav Jung „Nur was ich annehme kann ich verändern“ lebt Jesus – und in jedem Kreuz kann es uns anschaulich werden.

 

 

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