A 11 2026 Mt 9, 36 – 10,8
Wir leben in einer Welt, die niemals schläft.
Zunehmende Nervosität, kaum noch Stille.
Am Limit – sagen wir mitunter.
Die dadurch einsetzende Müdigkeit ist keine Müdigkeit,
die sich durch eine Nacht Schlaf beheben lässt,
denn sie sitzt nicht in den Muskeln, eher in der Seele.
Ständige Krisenmeldungen, wachsende Herausforderungen,
zunehmende Gereiztheit, blank liegende Nerven.
Gefühlt dreht sich alles immer schneller,
wir schauen den Entwicklungen nur noch hinterher.
Kaum haben wir uns an etwas gewöhnt ist es schon wieder überholt.
Die Welt ist nicht mehr heimatlich.
Die Angst, den Anschluss zu verpassen, wächst.
„Sie waren müde und erschöpft“ –
Müde der dauernden Diskussionen wegen,
müde des Unfriedens wegen,
müde angesichts des Herrschergebarens der großen Mächtigen,
müde angesichts der notwendigen Dauerkämpfe der Entrechteten,
müde der kirchlichen Auseinandersetzungen wegen,
müde der zahllosen Reizüberflutungen wegen.
„Sie waren müde und erschöpft“ –
beschreibt das Evangelium auch die Menschen zur Zeit Jesu.
Das Wort, dass das Evangelium für Müdigkeit verwendet,
klingt viel schärfer und bedeutet so viel wie geschunden und abgehetzt, entkräftet.
Ebenso das Wort, das für Erschöpfung verwendet wird,
beschreibt Drastischeres,
denn im Urtext bedeutet es „hingeworfen“, „am Boden liegend“.
Die Kräfte sind verbraucht.
Da kommt man von allein nicht heraus.
„Vogel friss oder stirb“ ist nicht die Weisheit Jesu.
Reiß dich zusammen – hören wir nicht von ihm;
Sieh zu, wie du klar kommst – ebensowenig.
Das Evangelium spricht vom Mitleid Jesu.
Das griechische Wort für Mitleid bedeutet „es drehte ihm den Magen um“.
Wem sich der Magen umdreht, der erbricht. Den schmerzt es.
Da ist ganz viel Bauchgefühl.
Es krampft. Mitunter windet sich jemand vor Schmerzen.
Der Menschen Erschöpfung geht Jesus „an die Nieren“.
Für die Menschen der Antike
war nicht das Herz der Sitz der tiefsten Gefühle, sondern die Eingeweide.
Wir lernen in unseren Zeiten erneut,
dass der Bauch emotionales Zentrum des Körpers ist;
dass oftmals der Bauch wahrnimmt,
was der Verstand nicht oder noch nicht begreifen kann.
Gott leidet in Jesus an oder eher mit uns Menschen.
In Jesus begegnet uns kein perfekter Gott,
der in ewiger, ungerührter Ruhe thront,
und sich nicht von den Gefühlen,
Tränen und Leiden der sterblichen Menschen erschüttern lässt.
Im Gegenteil:
Wo Menschen am Boden liegen, zieht sich – diesem Bild nach –
in Gott alles zusammen.
Derart müde und erschöpfte Menschen hören keinen Vorwurf.
Das Mitleid Jesu signalisiert nicht: Rappel dich auf.
Eher bestätigt es dein Gefühl, deinen Zustand:
Du hast ja recht, wenn du müde und erschöpft bist.
Gott sei Dank.
Dein Gefühl trügt dich nicht und bestätigt, dass du gut wahrnimmst:
Nicht mit dir ist etwas nicht in Ordnung, sondern mit der Welt,
mit dem ermüdenden und auslaugenden Alltag.
Selig die Müden, die Erschöpften,
denn sie haben ein anderes Bild vom Leben,
vom Wach sein, von dem, was Menschen überfordert und platt macht.
Selig die Müden, die Erschöpften,
denn Gott hat sie im Blick und ist an ihrer Seite.