NachGedacht

Hier möchte ich Texte weiterreichen,
die zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung einladen.

Stefan Jürgens:  Priestersein heute

Priestersein ist ein Traumberuf. Das kann ich nach fast 25 Jahren immer noch sagen. Und zwar aus voller Überzeugung. Ich kann nämlich voll und ganz nach meinem Gewissen handeln. Und genau das tun, was ich für richtig und für wichtig halte.

Ich bin 1994 zum Priester geweiht worden. Mittlerweile hat sich viel geändert in Gesellschaft und Kirche. Deshalb ist es mir heute viel wichtiger, wer ich bin als Christ. Ich bin ein Christ, der eben auch ein Amt hat. Ich bin mehr Verkünder einer Botschaft als Vertreter einer Institution, mehr Christ in der Welt als Priester in der Kirche.

Am besten, ich fange mal ganz von vorne an: Ich habe meinen Glauben geerbt, habe in Familie und Gemeinde mitgemacht, was andere vorgemacht haben. Das Interesse an Theologie und die Entscheidung für Jesus Christus kamen erst mit dem Studium. Die Theologie hat meinen Glauben kräftig geläutert. Obwohl sie nicht viel mehr zu bieten hat als Sprechversuche von einem großen Geheimnis. Von einem Geheimnis aber, das mir in Jesus Christus sehr nahegekommen ist. Seinetwegen wollte ich Priester wer- den und möchte es bleiben, solange ich lebe.

In den ersten Berufsjahren als Kaplan war alles ganz einfach: eine lebendige Gemeinde in Gestalt von sehr aktiven und selbstbewussten Christinnen und Christen. Ich fühlte mich getragen. Wenn das so geblieben wäre, dann wäre Priestersein ein Traumberuf ohne Wenn und Aber. Gottesdienst und Predigt, Seelsorge und Gespräch erfüllen mich bis heute mit innerer Zufriedenheit. Das alles mache ich sehr gerne.

Doch nach drei Jahren kam die erste Ernüchterung. Da habe ich gemerkt: Wenn du nicht für dich selber sorgst, tut es keiner. In Kirchenkreisen ist nämlich gar nicht so wichtig, wer etwas kann, sondern wer wen kennt. Das ist typisch für monarchische und autoritäre Systeme, also auch für das System Kirche. Damals schlich sich eine gewisse Resignation in die stärker werdende Routine ein. Ich wurde Jugendseelsorger und dann Rektor einer Akademie und eines Exerzitienhauses. Nach einigen Jahren bot sich eine größere Pfarrstelle an, auf die ich mich spontan beworben habe. Dort war ich schnell zu Hause, es war traumhaft schön. Wenn auch nicht mehr alle zum Gottesdienst kamen, so gab es doch eine große Nähe zu fast allen. Und mit einem großen und kompetenten Seelsorgeteam ist man niemals allein.

Mittendrin die Enttäuschung: Traditionsabbruch, Gemeindefusion, Denkverbote. Alles in allem scheint mir: Wir sind als Kirche auf der Flucht vor der Postmoderne. Wir ziehen uns zusehends zurück und werden zur frommen Sekte. Statt das Amt für neue Zugangswege zu öffnen, ist ein neuer Klerikalismus entstanden, der offiziell gefördert wird. Die so genannte Amtskirche entfernt sich von den Menschen, ihre Vertreter sind ohne Zweifel fromm und freundlich, aber nicht fähig zum Dialog mit der modernen Welt.

Der Zölibat ist ein Thema ohne Ende. Für die Gemeinden ist er faktisch bedeutungslos, sie wünschen sich gute Seelsorgerinnen und Seelsorger, unabhängig von der Lebensform. Die Gründe für den Zölibat sind theologisch nicht mehr haltbar. Man kann ihn noch geistlich sehen: als Zeichen der Jesus-Nachfolge oder als Zeichen für die Liebe Gottes, die immer größer ist. Ich halte es für besser, den Zölibat freizustellen. Und noch mehr: Ich halte ihn für eine der strukturellen Sünden der Kirche. Und, um noch einen draufzusetzen: Ich glaube, dass die so genannte Amtskirche sich hier dem Wirken des Heiligen Geistes hartnäckig widersetzt. Warum ich hier so scharf werde? Weil auch der Priestermangel zu den Zeichen der Zeit gehört, durch die wir Gottes Willen erkennen sollen. Aber es geschieht nichts. Die Kirche wird sehenden Auges fromm vor die Wand gefahren. Und dabei wird der Zölibat nur von sehr wenigen als Charisma begriffen; die meisten nehmen ihn nur in Kauf, weil sie Interesse am Priesterberuf haben. Dennoch glaube ich nicht, dass der Zölibat in absehbarer Zeit freigestellt wird. Das liegt nicht nur an der weltkirchlichen Ungleichzeitigkeit. Es liegt auch am völlig überhöhten, sakralisierten Priesterbild. Der Priester ist ja eigentlich nur Verkünder des Wortes und Darsteller Jesu Christi in den sakramentalen Handlungen. Aber das Priesterbild vieler Katholiken ist immer noch aufgeladen mit archaischen Vorstellungen, es verleiht dem Amtsträger eine Macht, auf die man offenbar nicht verzichten möchte. Es ist viel Magie im Priesterbild, Klerikalismus eben. Der Missbrauchsskandal hat gezeigt, wie schädlich und schändlich diese Überhöhung des Amtes ist, und was für katastrophale Folgen sie haben kann.

Die eigentliche Kirchenspaltung verläuft nicht zwischen den Konfessionen, auch nicht zwischen Laien und Priestern. Sondern zwischen Gemeinden und Bischöfen. Der Grund dafür ist sehr einfach: Wer in der Kirche Karriere machen möchte, muss sich schon als Student anpassen, im System bleiben. Oder sich rechtzeitig eine passende Meinung zulegen. Er muss ohne Zweifel fromm und fleißig sein, darf aber nichts in Frage stellen. Deshalb haben wir in höheren Ämtern fast nur Konservative, die etwas aus der Zeit gefallen sind und auch so auftreten. Das System bleibt in sich geschlossen, es kommt zu keiner Re- form, weil es keine Reformer zulässt. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich keine Erneuerung mehr er- warte, es ist zu spät. Man muss seinen eigenen Stil finden, glaubwürdig und mit einer kräftigen Portion Humor.

Theologisch sind wir nicht viel weitergekommen. Überhaupt hat die Theologie zurzeit für die Pastoral nur wenig zu bieten. Die Bistümer fragen vermehrt bei Unternehmensberatern an, nicht mehr bei Theo- logen, da diese häufig als zu kritisch und nicht systemimmanent gelten. Die Volksfrömmigkeit hat nach wie vor naive und magische Züge; einen fragenden, kritischen und dennoch verbindlichen Glauben finde ich nur selten. Viel häufiger wird Religion an den Rändern des Lebens genutzt, zum Beispiel die Rituale bei Geburt, Heirat und Tod. Also Taufe, Trauung und Beerdigung. Das ist ein pastoraler Dienst, der wichtig bleibt, aber nur ganz selten nachhaltig wird.

Außerdem haben wir ein riesiges Sprachproblem. Die liturgische Sprache ist floskelhaft, Predigten sind flach und anbiedernd oder pathetisch und frömmelnd. Selten wird es konkret. Stattdessen frommes Gelaber. Wer in der Liturgie mit anderen oder eigenen Worten betet, gilt als ungehorsam. Man könnte genau- so gut wieder auf Latein beten, dann versteht wenigstens keiner etwas. Heute verstehen nur wenige einiges.

Was ist meine Identität heute? Wer bin ich als Gemeindepfarrer, jetzt, in der Mitte meines Lebens? Viel- leicht Konkursverwalter? Manche sehen mich als Chef, als Dienstgeber vieler Angestellter. Das aber liegt allein an der Kirchensteuer, die vieles für sich hat, die aber auch dafür sorgt, dass wir ein riesiger Sozialkonzern geworden sind – auf ganz dünnen theologischen Beinchen.

In der öffentlichen Wahrnehmung bin ich häufig nur Repräsentant einer Institution, ich gehöre irgendwie zum gesellschaftlichen Leben dazu. Ich selbst aber fühle mich nach wie vor angesprochen von Jesus Christus, ich möchte mit ihm in der Welt leben, ihm in den Menschen begegnen und sie mit ihm bekannt machen. Kirche, das sind für mich die Menschen, die beten, wenn ich es nicht kann, und die glauben, während ich zweifle. Ich möchte Seelsorger sein in allen Lebenslagen, aber auch Theologe; denn nur der reflektierte Glaube wird auskunfts- und zukunftsfähig sein. Ich glaube, dass Gott schon bei den Menschen ist, ich muss ihn da nicht erst hinbringen. Das entlastet.

Wichtig ist mir das regelmäßige Gebet, die Meditation. Und die Feier der Eucharistie. Daraus lebe ich, davon bin ich beseelt. Die Kirche wird kleiner werden und weniger Einfluss haben; sie wird mobiler werden mit weniger Immobilien. Sie wird glaubwürdiger, weil sie weniger Macht haben wird. Sie wird ansprechender sein, weil sie der frommen Worte überdrüssig ist. Priestersein heute geht nur um Jesu und der Menschen willen: dank, mit und manchmal auch trotz der Kirche.

Stefan Jürgens (1968) wurde 1994 zum Priester geweiht und ist seit 2016 Pfarrer der Kirchengemeinde Heilig Kreuz in Münster. Er war zunächst Kaplan und Jugendseelsorger, dann Geistlicher Rektor einer katholischen Akademie und Leiter eines Exerzitienhauses, anschließend zehn Jahre lang Pfarrer im ländlichen Raum, wo er durch sein offenes Wort und seinen Internet-Blog „Der Landpfarrer“ für Aufmerksamkeit sorgte. Vier Jahre lang war er Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ in der ARD, bis heute ist er regelmäßig im WDR zu hören. Er selbst nennt sich gerne einen „Spielmann Gottes“, da er auch musiziert und vieles in der Kirche mit Humor sieht. Davon liest man auch in seinem neuen Blog „Kreuz- schnabel“.

Veröffentlicht bei

kreuz-und-quer.de
Diskussionsforum zum politischen Handeln aus christlicher Verantwortung herausgegeben vonThomas Sternberg(Sprecher), Dieter Althaus, Alois Glück, Friedrich Kronenberg,Hermann Kues, Norbert Lammert, Hildigund Neubert, Hans-Gert Pöttering,Thomas Rachel MdB, Annette Schavan, Christian Schmidt MdB, Erwin Teufel, Bernhard Vogel 

 

Ein Referat des Essener Generalvikars im Februar 2015

„Der zweite Strukturwandel – Aufbruch statt Abbruch“

Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst darf ich Ihnen ausdrücklich die herzlichen Grüße von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck übermitteln, der am heutigen Tag hier stehen sollte. Im letzten Frühjahr wurde Bischof Dr. Overbeck in den Päpstlichen Kulturrat berufen, der in diesen Tagen in Rom zusammenkommt. Leider hatte er keinen Einfluss auf den Termin und bittet um Verständnis, dass er seine Zusage für unsere Tagung zurücknehmen musste. In Rücksprache mit Erzbischof Becker und Bischof Dr. Genn hat er mich gebeten, für ihn „einzuspringen“ und das Impulsreferat der heutigen Tagung zu übernehmen.

Als Generalvikar des Bistums Essen bringe ich vor allem zwei Perspektiven ein: Zum einen die Perspektive der Institution Kirche, wie sie sich für ein katholisches Bistum darstellt, zum anderen die Perspektive eines Kirchenvertreters aus dem Ruhrbistum, das zu einem großen Teil für eine Region steht, die in besonderer Weise von den Folgen des demografischen Wandels betroffen ist. Vielleicht ist deshalb nicht alles, was ich sage, auf andere Regionen kirchlicher oder politischer Art übertragbar; möglicherweise aber ist unsere Region ein Seismograph, der schon heute anzeigt, was anderswo in absehbarer Zeit eintreffen wird.

Meine Absicht ist es, die Bedeutung des demografischen Wandels und seine Folgen näher zu beleuchten, zunächst im Blick auf unsere Gesellschaft insgesamt, dann aber insbesondere in seinen Auswirkungen für unsere Kirche. Wie wirkt sich der demografische Wandel in der Kirche aus? Und was können wir in der Kirche von den Einsichten lernen, die in der gesellschaftlichen Debatte gewonnen werden? Und welche Folgerungen müssen wir ziehen in einem umfassenden Sinn?

Mich hat ein Buch von Franz-Xaver Kaufmann inspiriert, das unter dem Titel „Schrumpfende Gesellschaft“ vor 10 Jahren Aufmerksamkeit erregte. Drei Perspektiven dieses Buches dienen mir dazu, die „schrumpfende Kirche“ als Teil der „schrumpfenden Gesellschaft“ zu betrachten – und daraus einige grundsätzliche Bewertungen und Ausblicke abzuleiten.

1. Das vernachlässigte „Humanvermögen“ der Zukunft 

Zugegeben: Es ist ein hölzerner Begriff: „Humanvermögen“. Das klingt sehr technisch, wenig menschenfreundlich. Franz-Xaver Kaufmann will darauf hinaus, mit diesem Begriff den umfassenden Wert der Gesamtheit aller Menschen in einer Gesellschaft zu erfassen: „Humanvermögen“ meint „die Gesamtheit der Kompetenzen aller Mitglieder einer Gesellschaft“. Und dieses „Humanvermögen“ wird, so Kaufmann, in Deutschland seit fast einem halben Jahrhundert vernachlässigt. Wir konsumieren einen zu großen Anteil unseres Volkseinkommens und haben Investitionen in das Humanvermögen der nachwachsenden Generationen in Billionenhöhe unterlassen. Kaufmann sieht „das Prinzip der demographischen Nachhaltigkeit und der intergenerationellen Gerechtigkeit verletzt, weil die deutsche Politik die sozialen Einrichtungen einseitig zugunsten der älteren Generationen ausgebaut und dabei insbesondere die Kinderlosen im Verteilungsprozess begünstigt hat.“ (Ebd., 16) Ein schwerer Vorwurf: Wir haben zu viel die älter werdenden Generationen im Blick und zu wenig die nachrückenden Generationen! Wir leben auf Kosten der Zukunft!

Verwunderlich ist das nicht: Wir erleben ja eine Alterung der Gesellschaft – auch verursacht durch einen Rückgang der Sterblichkeit im Alter bzw. einer deutlich verlängerten Lebenserwartung. Aber: Die längere Lebenserwartung ist natürlich nicht die Ursache für den Bevölkerungsrückgang! Nicht die „Überalterung“ ist unser Problem, sondern die „Unterjüngung“, eine deutlich geschrumpfte Geburtenrate! Sie führt seit Jahrzehnten dazu, dass in unserer Gesellschaft der „generative Beitrag“ zur Aufrechterhaltung der Institutionen unseres Wohlfahrtsstaates (Sozialversicherungen, Bildung, …) und des produktiven Wohlstandes zunehmend kleiner wird.

Dies zeigt sich auch in der gesellschaftspolitischen Debatte, in der die Rolle der Familie für die Volkswirtschaft systematisch unterschätzt wird. Die Aufwendungen der Eltern für ihre Kinder werden als private Konsumausgaben verstanden, nicht aber als Investition in die Bildung des gesellschaftlichen Humanvermögens. Eine solche Missachtung der Bedeutung der kommenden Generationen hat letztlich auch zur Folge, dass wir damit den wichtigsten Schlüsselfaktor für technischen Fortschritt und Innovationskraft schwächen. Durch Einwanderung von Fachkräften oder durch verstärkte Bildungsanstrengungen für die vorhandene junge Bevölkerung lassen sich die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr kompensieren. Franz Xaver Kaufmann stellt lapidar fest, dass die deutsche Bevölkerung seit mindestens einer Generation über ihre Verhältnisse lebt: Es wird „zu viel konsumiert und zu wenig gespart und investiert.“ (Ebd., 82)

Ich frage mich, ob wir innerkirchlich nicht auch das Prinzip der demografischen Nachhaltigkeit verletzen. Ein Blick in die meisten unserer Gottesdienste oder anderen kirchlichen Veranstaltungen zeigt eindeutig eine „Unterjüngung“. Attraktiv sind wir weit überproportional für Ältere und Alte – und die prägen mit wenigen Ausnahmen auch unser öffentliches Bild.

Ich selbst war viele Jahre in der Jugendpastoral tätig und spreche aus Erfahrung, wenn ich hier behaupte, dass unsere Kirche bei den jüngeren Generationen vielfach den Anschluss verloren hat – und das schon seit Jahren. Wir haben zwar viel investiert an Geld, Personal und vielerlei Anstrengungen in Jugend- und Familienpastoral – aber vermutlich nicht mit den geeigneten Instrumenten und schon gar nicht aus der Perspektive der jungen und jüngeren Generationen. Wir leben und gestalten unsere Kirche aus der Perspektive der älteren Generationen, aus deren Lebens- und Kirchengeschichte, aus deren Denken und Vorstellungen heraus. Und es wird kaum danach gefragt, wie denn die jungen Menschen „ticken“ – und wenn, dann eher aus einer urteilenden Perspektive.


Mich hat vor geraumer Zeit ein Beitrag in einer Kommission nachdenklich gemacht, in der es um die Gestalt der Kirche im Jahre 2030 ging: Jemand machte darauf aufmerksam, dass in unserer Runde alle Teilnehmer die 50 schon teilweise weit überschritten hatten. Warum, so lautete die Frage, beteiligen wir eigentlich nicht diejenigen, die im Jahre 2030 in unserer Kirche leben sollen? Warum spielt es keine Rolle, wie die Generation der Unter-50/40jährigen im Blick auf Kirche denkt? Haben wir Angst vor dem, was sie sagen? Haben wir Angst vor den radikalen Veränderungen, die dann notwendig wären?

Angst ist aber ein schlechter Ratgeber. Sie verleitet zu Illusionen, denen wir in unserer Kirche an vielen Stellen nachlaufen: Überall wird mit Zähnen und Klauen an dem festgehalten, was war und ist. Man tut so, als seien Veränderungen nicht nötig. Kirchen sollen um jeden Preis erhalten bleiben, ohne zu fragen, wer sie denn morgen noch besucht; wenn uns Priester fehlen, importieren wir sie aus anderen Teilen der Welt ohne zu fragen, warum denn bei uns niemand mehr Priester werden will; und wenn die junge Generation nicht zu uns kommt und unseren Lehren nicht mehr folgt, wollen wir auch nicht ernsthaft wissen, warum sie das nicht tut, sondern verweisen eher auf die angeblichen Defizite der modernen Gesellschaft und ihrer jungen Generationen. Das ist die Form, in der das „Humanvermögen“ in der Kirche vernachlässigt wird. Ich frage daher etwas provokant: Investieren wir in unseren Kirchen in das „Humanvermögen“ der Zukunft? Geht es uns wirklich um die Menschen, die morgen und übermorgen den Gott Jesu Christi entdecken sollen, den menschenfreundlichen, mitgehenden Gott? Oder investieren wir nicht viel zu sehr in Steine und Mauern der Vergangenheit, in Initiativen und Projekte, die uns selbst, den verbliebenen Katholiken und Protestanten der vergehenden Generationen und Milieus bedeutsam sind – aber an den Menschen anderer Milieus und anderer Generationen vorbeigehen? Kaufmanns Fazit könnte übersetzt für die Kirchen heißen: Wir leben auf Kosten der potentiellen kommenden Kirchengenerationen!

In unserem Bistum haben wir einen Dialogprozess angestoßen, um eine nüchterne und ehrliche Auseinandersetzung auch über diese Fragen zu führen: Wie gestalten wir eine Kirche, die zukunftsfähig sein will? Was müssen wir heute tun und verändern, damit es morgen und übermorgen noch eine Kirche gibt, die für Menschen unserer Gesellschaft anziehend und interessant ist, die Relevanz hat und das Christentum in einer sich wandelnden Moderne gegenwartsfähig erhält?

2. Pluralisierung und Polarisierung der Lebensformen

Franz-Xaver Kaufmann diagnostiziert, dass Kinderlosigkeit in Deutschland mit Bildung zusammenhängt. Es gibt ein Auseinanderdriften: Hier die traditionell verfassten Familien auf der einen Seite, die oft aus bildungsschwachen Kontexten stammen. Und dort eine am individuellen Fortkommen orientierte, akademische Leistungselite, die in alternativen Gemeinschaftsformen lebt – häufig kinderarm oder kinderlos. Entstanden sind regelrechte „Milieus der Kinderlosigkeit“, in denen das Fehlen von Kindern schon gar nicht mehr wahrgenommen werde. Hier herrscht auch ein Bewusstsein vor, dass die Belastungen aus der Arbeitswelt es auch gar nicht mehr erlauben, den Bedürfnissen von Kindern zu entsprechen. Dies ist auch ausgelöst durch veränderte Erziehungsnormen: Kinder laufen nicht mehr einfach mit, sondern stehen im Mittelpunkt des Interesses und dienen auch als Projektionsfläche der eigenen Wünsche. Das macht enormen Druck! Fazit: Kinder sind zwar auch für die jüngeren Generationen wichtig; aber andere Werte in der Lebensgestaltung sind genauso wichtig. Das macht es so schwer, den Kinderwunsch zu realisieren. (Vgl. ebd., 184)

Für meine Kirche kann ich die weitreichenden Folgen einer Pluralisierung der Lebensformen nur bestätigen: Es gibt kein einheitliches „katholischen Milieu“ mehr, das unsere Kirche lange Zeit geprägt und getragen hat. Allenfalls ist ein kleines eher konservativ-traditionell orientiertes Milieu übrig geblieben, das zugleich zu einer Milieuverengung in unseren Gemeinden führt. Viele schwerwiegende Konflikte hängen damit zusammen, dass immer mehr Menschen immer unterschiedlicher leben und sich damit auch von ursprünglich selbstverständlich kirchlichen Normen und Orientierungen verabschieden. Die Auseinandersetzungen zu Familienfragen spiegeln dies eindrucksvoll wieder.

Hier wird deutlich: Es gibt eine Polarisierung zwischen denen, die an traditionalen Familien- und Lebensformen festhalten, und jenen, die keinen Widerspruch erkennen zwischen ihrer individuell gewählten alternativen Lebensform und ihrem Christsein in der katholischen Kirche. Wir stehen deshalb in einer Zerreißprobe: Wie gelingt es, mit den rasend schnellen gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten? Wie halten wir Pluralität aus, ohne Menschen auszugrenzen und ohne voreilig Werte und Ideale der Beliebigkeit preiszugeben?

Vielleicht geht es zuerst darum, sich der Wirklichkeit radikal zu stellen, sie zu verstehen und nicht zu schnell zu urteilen. Wir sind nicht die Richter und Retter Gottes, dürfen aber darauf vertrauen, dass Gott sein Werk schon selber tut. Sehr wohl sollen wir den Menschen beistehen in dem schwierigen Unterfangen, mitten in einer radikalen modernen Welt zu leben. Wir können die Räder der Geschichte nicht umdrehen und die Menschen nicht anders „machen“ als sie heute sind. Vielleicht geht Leben heute nur in großer Vielfalt, bruchstückhaft und unvollkommen – mit allen damit verbundenen Auswirkungen.

3. „Strukturelle Rücksichtslosigkeiten“ 

Die Kehrseite der modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft sind für Franz-Xaver Kaufmann gewisse „strukturelle Rücksichtslosigkeiten“: Die Erziehung von Kindern ist ein ökonomisches Problem, weil sie ökonomisch irrelevant ist und mehr oder weniger als „Privatvergnügen“ gilt. Unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung prämiert vielmehr die Kinderlosigkeit und verbindet die Übernahme von Elternverantwortung mit ungebührlichen Nachteilen. (Vgl. ebd., 158) Wer hier im Raum Familienvater oder – mutter ist und gleichzeitig beruflich eingespannt
sein will, weiß vermutlich sehr genau, wovon hier die Rede ist. Der Familienlasten- und Familienleistungsausgleich ist mit den familienpolitischen Maßnahmen der vergangenen Jahre noch längst nicht erreicht. Bevölkerungspolitische Effekte im Sinne einer Steigerung der Geburtenrate konnten jedenfalls nicht erzielt werden. Hier sehe ich eine wichtige Aufgabe unserer Kirchen: Wir müssen uns öffentlich noch deutlicher für Gerechtigkeit für Familien einsetzen, und zwar für Familien im weitesten Sinn, also auch und ganz besonders für Alleinerziehende. Mit unseren Einrichtungen der Familienbildung und -hilfe, der Kinderbetreuung, mit unseren Gemeinden und kirchlichen Schulen haben wir vielfältige Instrumente der Familienförderung und der Unterstützung von Alleinerziehenden an der Hand. Vielleicht sollten wir dieses Anliegen bei der öffentlichen Profilierung aller unserer Initiativen und Engagements noch stärker herausheben? Und vielleicht sollten wir auch innerkirchlich auf den Wert dieser Instrumente hinweisen, wenn es um die Frage geht, welche Prioritäten wir bei zurückgehenden finanziellen Ressourcen zu setzen haben. Und überall, wo wir Arbeitgeber sind, müssen wir uns einsetzen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – und wir tun das auch.

Franz-Xaver Kaufmann fordert vom Sozialstaat eine Familienpolitik mit verteilungspolitischen Konsequenzen. Es sei noch zu wenig, die Benachteiligung von Eltern zu mindern. Es brauche auch eine Beseitigung der Privilegien der Kinderlosen – wer nicht in das Humanvermögen der kommenden Generationen investiert, müsse auf andere Weise zur kollektiven Zukunftsvorsorge beitragen.

Das Problem einer gerechten Verteilung der Ressourcen gibt es auch im übertragenen Sinn in unseren Kirchen. Innerkirchliche Generationengerechtigkeit bedeutet, dass es bei den anstehenden Verteilungskonflikten nicht um den Erhalt dessen gehen darf, was Generationen von gestern wichtig war. Die Frage ist, wie der christliche Glaube Menschen von heute und morgen erreicht, stärkt und bereichert. Die Kirche von morgen kann nicht so sein, wie sie uns oder unseren Vorfahren gestern gefallen hat. Es nutzt nichts, in Gebäude der Vergangenheit zu investieren, die heute nur wenige und morgen vielleicht gar keine Menschen mehr betreten. Wenn Papst Franziskus dazu aufruft, an die Ränder zu gehen und unsere angestammten Kirchenräume zu verlassen, dann verstehe ich das auch als einen Aufruf zur Weite, zum Blick über Milieus und Generationen hinaus – und das hat erhebliche Konsequenzen für die äußere Gestalt der Kirche, für die Art ihrer Verkündigung, für ihre Sprache und auch für die Übersetzung ihrer Lehre in die moderne Zeit.

4. Die „Normalität“ des Wandels 

Die Rede vom „zweiten Strukturwandel“ in der Überschrift unserer Tagung klingt missverständlich. „Wandel“ ist keine gelegentlich auftauchende Episode im Leben, sondern eine stets zu bewältigende Aufgabe. Darum nehme ich in unserem Bistum auch große Enttäuschungen wahr, weil viele unserer Kirchenmitglieder nach den großen Strukturveränderungen in der Mitte des letzten Jahrzehnts glaubten, in eine Phase der Stabilität eintreten zu können. Das ist eine Illusion. Wir stehen in einem fortlaufenden Veränderungsprozess – immer. Die Jahre des Wirtschaftswachstums haben die Fähigkeit vernachlässigt, Wandel als Lebensaufgabe zu begreifen, mit Veränderungen zu leben und die damit verbundenen Unsicherheiten auszuhalten.

Mich hat vor einiger Zeit die Einschätzung von Supervisoren nachdenklich gemacht, die in unserem Bistum pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten. Sie bescheinigten unseren Leuten eine ausgeprägte Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität – und geradezu eine Ausblendung der Notwendigkeit von Veränderung. Sie empfahlen dringend, an der Entwicklung einer besonderen Kompetenz zu arbeiten, der „Unsicherheitskompetenz“. Das ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, in der modernen Gesellschaft ohne dauerhafte Sicherheiten leben zu können; mehr noch: Freude daran zu haben, dass nichts bleibt, wie es war oder ist.

Das gilt aber nicht nur für kirchliche Mitarbeiter: Wir benötigen insgesamt einen Mentalitätswandel, der sich vom Strukturkonservatismus verabschiedet und Wandel als Chance für Entwicklung und Wachstum begreift. Stillstand und Rückwärtsgewandtheit sind gefährlich – sie schaden den kommenden Generationen.

5. Aufbruch statt Abbruch – Die Chancen des Wandels begreifen 

Die Auswirkungen des demografischen Wandels sind eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Darin liegt zugleich eine große Chance: Wir werden dazu gezwungen, über unsere eigenen Grenzen hinauszudenken. Unsere Tagung ist dafür ein gutes Beispiel, weil hier Kirche, Politik und andere gesellschaftliche Größen zueinander finden, um gemeinsam Problemstellungen zu erkennen, zu verstehen und vielleicht auch zu lösen. Wir können uns nicht in unsere jeweiligen eigenen Welten zurückziehen, sondern sind aufeinander angewiesen.

Für unsere Kirche gilt: Der Blick über unsere Kirchtürme und angestammten Milieus hinaus kann nur bereichern. Ich selbst bin erstaunt über das hohe Interesse, das unsere Kirchen nach wie vor in unserer Gesellschaft genießen. Wir sind gefragte Gesprächspartner, wenn es um wichtige ethische, soziale oder gesellschaftspolitische Fragestellungen geht. Nicht zuletzt zeigen dies die heftigen Debatten der letzten Wochen. Ich bin sehr froh, dass beide Kirchen ihre Verantwortung in der Auseinandersetzung um religiöse und menschliche Toleranz sehr engagiert wahrnehmen.

Wir brauchen den breiten gesellschaftlichen Diskurs – auch um unsere Verantwortung für die künftigen Generationen ins Bewusstsein zu bringen. Deshalb haben wir im Bistum Essen die Kommunikation über unseren binnenkirchlichen Bereich hinaus verstärkt. Wenn wir die gegenwärtigen und nachfolgenden Generationen erreichen wollen, dann benötigen wir dazu andere Kommunikationswege als die der Vergangenheit. Darum sind wir schon lange im Internet unterwegs, investieren in die modernen Wege der Kommunikation, haben uns von unserer klassischen Kirchenzeitung verabschiedet und eine neue, moderne Mitgliederzeitschrift begründet. Das hat uns keineswegs nur Beifall eingebracht im innerkirchlichen Raum – „draußen“ jedoch finden wir ein beachtliches Interesse.

Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre ist allerdings, wie wir unsere klassischen Strukturen den neuen Realitäten anpassen. Wir verfügen über zu viele Gebäude, die wir angesichts des demografischen Wandels und der gesamtgesellschaftlichen Veränderungen gar nicht mehr finanzieren können – und sie in dieser hohen Zahl auch nicht mehr benötigen. Übrigens auch deshalb, weil sie gar nicht mehr dazu geeignet sind, um mit den Menschen von heute und morgen dort angemessen Gottesdienst zu feiern. In so großen Räumen sind berührende spirituelle Feiern nicht wirklich möglich.

Hier zeigt sich ein gravierendes Problem, über das wir bei dieser Tagung noch sprechen müssen: Es ist unbestritten, dass manche Kirchengebäude in jedem Fall erhaltenswert sind, weil sie geschichtliches Zeugnis einer bedeutenden Glaubens-Kultur sind. Aber uns legt es schier untragbare Lasten und Pflichten auf, wenn unsere Kirchen unter Denkmalschutz gestellt werden, und dabei keine Rücksicht auf die Realitäten der Gegenwart genommen wird. Wir brauchen einen ehrlichen und ernsthaften Dialog zwischen Kirche, Denkmalschutz und Politik, damit wir eine gute Balance finden zwischen dem Respekt vor der Vergangenheit und der Offenheit für einen in die Zukunft gerichteten Wandel. 

Zuweilen wird der Denkmalschutz instrumentalisiert, um vor dem Wandel der Zeiten die Augen zu verschließen. Wir können nicht alles Vergangene festhalten, weil wir dann gar nicht mehr in der Lage sind, das Zukünftige zu gestalten. Der Pfarrer einer unserer Pfarreien, die in einer schwierigen Auseinandersetzung steht um den Denkmalschutz eines aufgegebenen Kirchengebäudes, formuliert es sehr drastisch: Wenn wir gezwungen werden, ein Gebäude um seiner selbst willen zu sichern, werden wir an anderer Stelle auf Investitionen verzichten müssen, die den Menschen von heute und morgen zu Gute kämen. 

Um es klar zu sagen: Der Denkmalschutz kostet Geld, das wir immer weniger zur Verfügung haben! So stehen wir vor der Frage, ob wir Kraft und Geld in Denkmäler der Vergangenheit investieren oder in die Menschen und deren Zukunft. Es wäre absurd, wenn wir wichtige finanzielle Ressourcen in die Sicherung unter Schutz gestellter Kirchengebäude investieren, die nicht mehr genutzt werden können – nutzlose Denkmäler? Wer soll die Lasten tragen? 

Ein Letztes: Nicht nur unsere Kirchen, auch andere gesellschaftliche Institutionen und Gruppierungen sind in Anpassungsprozessen begriffen. Dies wird dazu führen, dass einzelne Organisationen immer weniger ganz allein Wirksamkeit entfalten können. Unsere Kirchengemeinden wissen das schon längst. Umso wichtiger ist es, dass wir uns gerade im Blick auf die vielfältigen sozialen Herausforderungen in unseren Stadtteilen miteinander vernetzen und in gemeinsamen Projekten zur Weiterentwicklung des Gemeinwohls investieren. Initiativen, wie „Kirche findet statt“ sind dafür ein gutes Beispiel; aber auch die zur Zeit erfolgenden Vernetzungen in der Frage, wie wir mit den Herausforderungen durch die große Zahl an Flüchtlingen umgehen. Wir lösen die großen Fragen der Zukunft nicht allein, nicht in Konkurrenz und Abgrenzung, nicht im Wettbewerb zwischen Kirche, Politik und anderen gesellschaftlichen Organisationen – sondern nur gemeinsam, und im Interesse der kommenden Generationen, denen wir eine lebenswerte Region hinterlassen wollen. 

[1] Vortrag von Generalvikar Klaus Pfeffer, Bistum Essen, im Rahmen der Strategie-Konferenz „Baustelle Zukunft – Herausforderung Demografie“ am 04.02.15 in der Akademie Schwerte, unter: www.bistum-essen.de/fileadmin/bereiche/za-kom/Vortrag_von_Generalvikar_Klaus_Pfeffer_auf_der_Demografie-Tagung_in_der_Akademie_Schwerte_am_4._Februar_2015.pdf

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