Franziskus auf dem Marktplatz
Gewagt.
Es ist gewagt, was von Franziskus auf dem Marktplatz von Assisi
erzählt wird.
Er traut sich was, als er sich nackt auszieht,
die Kleider seinem Vater übergibt, zurückgibt und sagt:
„Ab heute will ich nicht mehr sagen `Vater Pietro Bernadone´,
sondern `Vater im Himmel´”.

Franziskus lässt eine Welt hinter sich.
Das Bild in unserer kleinen Szene, die daran erinnert,
im Original eine 5 x 3 m große Arbeit, trägt den Titel:
„die Welt, die wir bisher kannten“.

Gewagt.
Was werden wird, kann Franziskus jetzt nicht wissen und ahnen.
Er weiß nicht, was auf ihn zu kommt, was vor ihm liegt;
er weiß nur, was hinter ihm liegt, was er beenden will.
Er will sich nicht länger einkleiden, verhüllen lassen,
er will sein Leben nicht länger bestimmen oder vorzeichnen lassen,
er möchte nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten,
nicht das tun, was er getan hat, nicht das tragen, was er getragen hat.

Franziskus meint, diese Welt, die er bislang kennengelernt hat,
in der er groß geworden ist, passt nicht zu ihm.
Er will sie nicht länger an sich heranlassen,
er kappt jede Verbindung.
Sein Auszug aus der Welt, die er bisher kannte, die bis dahin „seine“ war,
ist wie Sterben und Neugeburt.
Ungeschützt, nackt, verlässt er die alte Welt und bricht auf in eine neue,
die sich ihm erst auftun muss, von der er noch nichts weiß.
„So kann ich nicht weiter leben“ ist sein Impuls, der ihm zum Imperativ wird,
der ihn nicht anders handeln lassen kann.

Auf dem Marktplatz steht er nackt – aber wer ist der wirklich Nackte,
der Bloßgestellte, der Entlarvte?
Der, der nichts an hat, oder der,
der sich hinter kostbaren Gewändern versteckt und darin verbirgt?
Der sich ungeschützt zeigt und angreifbar macht – oder der,
der sich panzert und sich darauf verlässt,
was wir umgangssprachlich nennen: Kleider machen Leute?
Ich umhülle mich mit Glanz, mit Reichtum,
ich blende mit Hochglanzbroschüren, erzeuge eine Schein-Welt,
demonstriere Macht, die auf besondere Kleidung beruht,
auf Schau und Show, ich trage nach außen, was gar nicht in mir ist,
ich schüchtere ein und heiße die willkommen,
die es ähnlich machen…

Die Machthaber dieser Welt,
die Gernegroßen in Gesellschaft und auch in Kirche
legen Wert auf besondere Kleidung und Show.
Sie machen sich nicht nackt, wir sehen sie nicht, wie sie „in Echt“ sind.
Sie tragen Maske. Sie spielen etwas vor.
Sie drehen kleine oder größere Videos, die gelikt werden, Daumen hoch,
sie lassen sich gern beklatschen,
geben sich möglicherweise den Worten nach bescheiden
und wollen doch nur Ansehen und wichtig sein, unentbehrlich.
Ohne mich bist du nichts – ist ihre Botschaft.
Du brauchst mich.
Ich kann Großes für dich bewirken.

Franziskus auf dem Marktplatz macht mir Mut.
Er durchschaut, er entlarvt, er entmachtet.
Er denkt nicht nur „Selbst ist der Mann“ –
er stürzt die Mächtigen vom Thron, so wie es von Maria als Gebet,
als Lobpreis auf Gott überliefert wird.
„Ab heute will ich nicht mehr sagen `Vater Pietro Bernadone´,
sondern `Vater im Himmel´”.
Wir bekommen ein Bild, ein Vorbild für das, was wir mit Taufe verbinden:
Kinder Gottes, allein Gott verantwortlich zu sein.

Ich gebe zurück. Ein Wagnis. Altersunabhängig.
In den Augen der Mächtigen, vielleicht auch im eigenen Erleben
ein Fallen. Ein Sturz.
Ich gebe zurück. Ein Anfang. Altersunabhängig.
In den Augen Gottes, vielleicht auch im eigenen Erleben
ein Aufstehen. Ein aufrecht sein.

Neugeburt.

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