Aufnahme Mariens in den Himmel 2026
Ganz groß kommt Maria an diesem Tag heraus,
erhöht, gekrönt, im Licht strahlend.
Gott erhebt diese Frau –
und ebenso oder darum hebt sie die Kirche auf den Sockel.
Aber irgendwie will dieses Fest nicht so recht passen
zu der kirchlichen Realität, wie wir sie erleben.
Wir wissen um die jahrhundertelange – bis heute andauernde –
Geringschätzung von Frauen in Kirche und Gesellschaft.
Sie durften nicht lehren, nicht entscheiden, oft nicht einmal laut sprechen.

Mit Frauen haben die großen Religionen ihre Not.
Der Apostel Paulus empfiehlt keusches Schweigen,
im Judentum sollen Männer Gott täglich danken, dass er sie
„als Israeliten und nicht als Frau und Unwissenden geschaffen hat“.

Da passte das Bild oder das Verständnis von Maria
als stille demütige Magd des Herrn doch viel eher:
Die Hörende, die Aufnehmende, die Demütige,
die Jesus im Hintergrund Bittende.
Die Frau im Himmel wird angebetet, die Frau auf der Erde soll schweigen.
Die katholische Kirche kennt 4 Kirchenlehrerinnen,
die erste erst 1970 dazu erhoben, aber 34 Kirchenlehrer.
Schätzungen und Statistiken zufolge
sind weit über 80 bis 90 Prozent aller offiziell anerkannten Heiligen männlich.

Wer ist die, von der wir glauben,
Gott hat sie als erstes in den Himmel erhoben?
Maria war als junge Frau keine leise, gefügige Statistin,
keineswegs die Frau mit blauem Mantel und weißer Lilie.
Sie hatte keine Nebenrolle.
Sie lebte in einer zutiefst patriarchalen Welt
und erhebt im Magnificat – bis heute beispiellos – ihre Stimme in einem Lied,
das komplett ohne männliche Autorität oder Deutung auskommt
in einer Frauengeschichte von Elisabeth und Maria.

Sie preist nicht den blinden Gehorsam,
sondern sie preist den als Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt
und die Niedrigen erhöht.
Bis ins letzte Jahrhundert hinein mussten Frauen
ihre Männer um Erlaubnis für alles bitten:
Frauen unterstanden
der gesetzlichen Letztentscheidungsgewalt ihrer Ehemänner,
durften oft ohne deren Erlaubnis keinen Beruf ausüben
oder ein Bankkonto führen.
Lange bevor und unabhängig davon,
dass ihr ein Mann die Erlaubnis dazu gibt, sagt Maria vor 2000 Jahren
Ja zum Ruf Gottes.
Sie weiß, was sie will – und sie weiß, was Ungerechtigkeit ist,
was zum Himmel stinkt.
Mit ihrem Lobgesang ist sie „Widerstandskämpferin“ – sagen wir heute,
eine starke, selbstbewusste Frau mit dem Mut,
sich den jahrhundertealten gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit
zu widersetzen.

Protestiert nicht Gott selbst mit der Aufnahme Mariens in den Himmel
gegen jede Unterdrückung von Frauen, gegen jedes Rede- und Lehrverbot?
Und hat demnach nicht die Kirche, die dieses Fest so feiert,
im Innersten sehr wohl eine Ahnung davon?
Muss nicht eine Kirche, die Maria feiert, Frauen in ihren eigenen Reihen
volle Würde, Stimme und Entscheidungsmacht zugestehen?

Maria lebt und liebt unabhängig von einem Mann,
sie lebt und liebt ganz aus Gott: Die Jungfrau Maria.
Und Gott liebt diese Frau, die so mutig und selbstbewusst ihren Weg geht
und ihre Stimme erhebt.

Wie schrieb Dietrich Bonhoeffer noch:
„Das Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste,
ja man möchte fast sagen, revolutionärste Adventslied,
das je gesungen worden ist.
Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria,
wie wir sie manchmal auf Bildern dargestellt sehen,
sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht.
Nichts von den süßen, wehmütigen oder gar spielerischen Tönen
mancher unserer Weihnachtslieder,
sondern ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen
und gedemütigten Herren dieser Welt,
von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“

Gott bestätigt nicht nur diese Frau, er sieht und anerkennt ihre Größe.

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