A 3 2026
„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht.“

Wie ist das mit dem „Licht in der Dunkelheit“?
Vielleicht mögen Sie auch Spaziergänge in der Dämmerung oder am Abend,
wenn die Häuser von innen zu leuchten beginnen
und einen kleinen Einblick gewähren.
Irgendwie sieht es nach Frieden aus, nach zur Ruhe gekommen sein.

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht.“
Der Prophet Jesaja sowie der Evangelist Matthäus haben bei diesem Wort
wohl keine Spaziergänger vor Augen, sondern große Not.
Das ganze Volk ist in Dunkelheit getaucht.
Im Dunkel leben:
Eigentlich schon ein Widerspruch in sich,
denn Licht ist Leben – und ohne Licht ist kein Leben.
Es wächst nichts, denn die Sonne fehlt.

„Das Volk, das im Dunkel lebt“
ist ein Volk, das lebt und doch nicht lebt.
Es atmet, es isst, es zeugt, es stirbt.
Das Tragende, die Mitte, das Leuchtende, das in Bann ziehende fehlt.

Matthäus schreibt, wohin er Jesus gehen sieht.
Dorthin, wo es dunkel ist, wo Licht fehlt.
Sebulon und Naftali sind Orte, die Worte brauchen, Zuwendung.
Dort leben Menschen, die neu aufleben, wenn sie hören:
Du bist nicht vergessen mit deiner Geschichte.
Sebulon und Naftali waren Söhne Jakobs und Stammväter jener Stämme, die im Norden Israels siedelten.
700 Jahre vor dem Leben Jesu waren diese Gebiete erobert worden,
es gab sie nicht mehr.
Ein Land, in dem man vorher an den Gott Israels geglaubt hatte,
wurde im Lauf der Jahrhunderte wieder heidnisches Land.

Dorthin geht Jesus.
Bestimmt nicht zufällig in ein Gebiet, in dem Hoffnungen eingeschlafen sind,
wo Erinnerungen an den alten Glauben verblasst sind,
wo das Volk im Finsteren sitzt,
überschattet vom Tod, dem einzigen, was todsicher erscheint.
Hier leben Menschen,
die Worte brauchen, die sie sich selbst nicht sagen können.

Wir glauben an einen Gott, der anknüpft,
der die geraubten Hoffnungen, der geschehenes Unrecht nicht vergisst.
Die Menschen, denen gesagt wird: „Kehr um“, erfahren,
dass jemand sich ihnen zuwendet, ihnen Hoffnung gibt.
Ihr seid nicht verloren, auch wenn ihr viel verloren habt.

Wie das so ist in der Bibel:
Sebulon und Naftali sind nicht so sehr Ortsangaben,
nicht so sehr die Bezeichnung längst vergessener Landschaften.
Es geht um die Gebiete in unserer Herzenslandschaft,
in denen etwas brach liegt,
wo Realitäten, vielleicht auch kirchliche Realitäten,
die Hoffnung auf Licht, den Glauben an das Himmelreich zerstört haben,
wo wir im Finstern tappen, ohne Lichtblicke.
Da knüpft Jesus an, greift auf, bläst in die Asche,
weil irgendwo verborgen noch Funken glühen.

Was für uns heute fast bedeutungslos klingt, wo Jesus sein Wirken beginnt,
ist in Wirklichkeit eine Aufsehen erregende Positionierung:
Er wendet sich den Heiden zu, den damals Verachteten, den Beäugten,
den Verspotteten.
Er beginnt bei Matthäus sein Wirken nicht in der Synagoge,
nicht einmal im jüdischen Raum:
Sterndeuter aus dem Osten sind seine ersten Besucher,
das heidnische Galiläa erster Ort der Verkündigung…

In diesem Kontext schreibt Matthäus von den ersten Jüngern,
die Jesus findet:
Simon und Andreas, Jakobus und Johannes;
soll heißen: In deiner Verlorenheit findet er, was er ins Licht hebt,
was er unbedingt braucht und will.

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