4. Fa-So 2026
Vermutlich haben Sie von der Missbrauchsstudie in unserem Erzbistum mindestens in den Medien gehört.
Das Thema, die Verbrechen, das Wegsehen, das Vertuschen,
das den Betroffenen nicht glauben wollen
bedrückt uns nicht erst seit einigen Tagen.
Menschenleben sind zerstört.
Das Ansehen der Kirche erschien wichtiger
als das Aufklären von Verbrechen und Konsequenzen ziehen.
Der Vorsitzende der Betroffenenvertretung sagte auf einer Pressekonferenz,
die Betroffenen hätten durch die Studie ein Stück Würde zurückerlangt.
Wörtlich: “Die Studie belegt: Wir haben die Wahrheit gesagt.
Und das, was andere gesagt haben, war eben nicht die Wahrheit.“

All das ist kaum auszuhalten.
Erneut stellen uns andere und vermutlich wir uns selbst die Frage,
wie wir Mitglied dieser Kirche sein können,
in der Missbrauch nicht als Einzelfall betrachtet werden kann
und der Umgang mit Missbrauch „Missbrauch der Missbrauchten“ darstellt.
Das geht ins Herz, das zerreißt, da fehlen die Worte.
Ich möchte und kann dem nicht ausweichen.

Wir werden heute mit einem Evangelium konfrontiert,
das von Menschen handelt, die ebenfalls über Leid hinweggehen,
die nicht Heilung und das Heil einzelner im Blick haben,
sondern Prinzipien, Übereinkünfte und Traditionen.
Das Einhalten des Sabbat ist wichtiger, als dass ein Blinder sehend wird.
Das Ansehen der Kirche ist wichtiger, als dass Betroffene gesehen werden.
Missbrauchten Kindern wurde eingeredet und das Gefühl vermittelt,
sie seien selbst schuld.
Ist das nicht die Frage: Wer hat gesündigt,
er selbst oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?

Was muss der ehemals Blinde Spießruten laufen.
Es wirkt, als sei eine ganze Untersuchungskommission am Werk,
um Licht ins Dunkel zu bringen.
Man glaubt ihm nicht, dass er wirklich blind war.
Und schon gar nicht möchte man sich von ihm etwas sagen lassen.
Am Ende wird er ausgestoßen.

Das alles ist nicht Vergangenheit.
Das alles durchzieht vermutlich jede Religion,
wir erleben es in unserer Kirche hautnah.

Jesus durchschaut.
Man wirft ihm vor, den Sabbat nicht zu halten.
Stattdessen sieht er das Leid des Blinden.
Sein Blickwinkel geht wirklich auf die Leidenden, auf die Betroffenen,
auf die Ausgestoßenen.
Sein Sehen und Wahrnehmen ist der Beginn von Heilung.

Ich hoffe sehr, dass wir alle, Bistumsverantwortliche wie wir,
diesen Blick einnehmen, uns vom Leiden von Menschen leiten lassen,
Menschen ihre Leidens- und Missbrauchsgeschichten glauben
uns nicht rausreden mit Prinzipien und religiösen Vorschriften.
Wir müssen weder Gott noch den Sabbat schützen,
aber den Menschen, jeden Leidenden.

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