Pfingsten 2026
Unsere Welt ist nicht fertig.
Dafür ziehen Gewalt und Ungerechtigkeit zu große Furchen
in die Erde und in unser Leben.
Und zu viele Fragen sind offen.
Manche wissen wir gar nicht richtig zu stellen.

Wir erleben selten ein rundes, vollendetes Ganzes –
aber ganz viel Flüchtiges: Momente, Begegnungen und Erinnerungen,
die wie Fragmente sind;
Frieden, der so brüchig, Liebe, die so gefährdet,
Miteinander, das so verletzlich ist.
Unsere eigene Biografie ist Stückwerk.

Besonders, wenn wir vom Hl. Geist sprechen und die Geisteskraft erbitten,
findet sich das in unserer Sprache wieder.
Wir sprechen vom Tröster, vom Halt, vom Licht –
und sagen: ohne diese Geisteskraft ist es trostlos, haltlos, dunkel.

Wer um die Kraft des hl. Geistes bittet,
braucht darum die eigene Erschöpfung oder Verwirrung
nicht in feine Sätze zu gießen.
Ich muss nicht die Welt oder meine Gedanken und Gefühle erklären,
ich kann sie benennen, stammeln, seufzen,
auch und gerade, wenn mir die Worte fehlen,
wenn es mir die Sprache verschlägt.
„Der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen“
lesen wir im Brief an die Römer.
Der Geist teilt das Seufzen der ganzen Schöpfung.
Er wechselt die Perspektive
und ist im Seufzen kein Gegenüber, er betet in uns.
Er schenkt uns die Sprache –
und wenn es keine Sprache ist, dann das Seufzen.
Schweigen oder Tränen, oftmals näher am Leben als mancher Lobpreis, werden zum Gebet.
Vielleicht sind Schweigen und Tränen
sogar etwas wie die Muttersprache des Hl. Geistes,
in jedem Fall „flüssiges Gebet“, wie es jemand einmal gesagt hat
mit Blick auf einen Vers im 56. Psalm:
„Sammle, Gott, meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.“

Unsere Welt ist nicht fertig.
Im Bitten bekennen wir das Unfertige, das Unheile, das Trostlose.
Wir legen unsere Masken ab, müssen nichts beschönigen.
Wo, wenn nicht im Gebet, wo, wenn nicht bei vertrauten Menschen
lassen wir – wie wir in einem Lied singen – „unserer großen Sehnsucht,
unseren Tränen freien Lauf“?

Der Evangelist Johannes nennt den hl. Geist
Paraklet, Beistand, den Herbeigerufenen.
Seine Gegenwart ist in Beziehung.
Der hl. Geist erklärt die Welt nicht, er ist kein Nachschlagewerk,
er hält die Welt mit uns aus.
Jesus hinterließ uns vor seinem Abschied kein Buch, sondern eine Person.
Sie ist und wirkt im Augenblick: pure Präsenz;
kein Präteritum, keine Vergangenheit, kein Perfekt.

Gottes Geist in der Welt äußert sich
in meinem Widerspruch gegen Ungerechtigkeit,
in meinem Protest gegen Gewalt in Wort und Tat,
in meinen Tränen, die Trauer und Klage nach außen spülen.

 

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