A 23 2026, Mt 18, 15-20
Wir hören ein schillerndes Evangelium.
Es entwirft ein Gegenüber: Sünderin oder Sünder ist die oder der andere.
Und jemand einzelnes, zwei oder drei oder am Ende die ganze Gemeinde steht gegenüber, auf der anderen Seite,
die, so klingt es, die bessere Seite ist.
Immerhin ist die erste Handlungsempfehlung, die wir hören,
kein Enthüllungsjournalismus, der folgt erst später…
Die erste Handlungsempfehlung ist: hingehen, unter vier Augen sprechen.
Wir würden heute sagen: nicht über jemanden sprechen, sondern mit ihm.
Das direkte Gespräch suchen.
Schonen, nicht beschämen, schon gar nicht herabwürdigen
oder an die Öffentlichkeit zerren.
Ganz bestimmt ließen sich viele Dinge unter vier Augen lösen,
insbesondere, wenn es ein Gespräch auf Augenhöhe ist,
geleitet vom Mühen und gegenseitiges verstehen.

Wie realistisch geht es weiter, zumindest in der Feststellung,
dass sich unter vier Augen nicht alles lösen lässt.
Wieviel weiter zurück wären wir zum Beispiel
in der Aufarbeitung der Missbrauchsverbrechen in Kirche und Gesellschaft,
hätte es hier nicht – ab einem bestimmten Zeitpunkt und viel zu spät –
mehr gegeben als Gespräche unter vier Augen.

Wie geht es weiter?
Man könnte meinen, die Anweisung,
dann sei er für dich wie ein Heide oder Zöllner, bedeute:
du hast deins versucht, reiß die Brücken ein,
jeder ist seines Glückes eigener Schmied.
Im Blick auf den Kontext des Evangeliums und dem,
was wir sonst von Jesus lesen, verbietet sich eine solche Deutung.
Denn voraus geht die Geschichte von dem Hirten,
der 99 Schafe im Stich lässt, um das eine verlorene aufzusuchen.
Und wir lesen von Jesu Handeln, wo er Sünder,
sogar die öffentlichen Sünder, vor der Menge in Schutz nimmt.
Dann sei er für dich wie ein Heide oder Zöllner.

Und was tut Jesus?
Er isst mit Zöllnern. Er ruft Zöllner. Zachäus zum Beispiel.
Und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter
stellt er einen Heiden sogar als Vorbild dar.
Der „Zöllner“ ist bei Jesus gerade der Mensch, zu dem er hingeht,
für den er die sich für rechtschaffen Haltenden zurücklässt.

Hier beginnt eine ganz andere Mission:
Nicht alle gegen einen.
Als die Menge eine des Ehebruchs schuldige Frau zu Jesus schleppt,
schickt er die Menge weg.
Er will nicht, dass Menschen sich Verbündete suchen,
um auf einen drauf zu schlagen.

Vielleicht ist dieser heutige Evangelien Abschnitt wirklich zu kurz,
um ihn isoliert zu betrachten.
Nächsten Sonntag schon folgt der unmittelbare Anschluss:
Petrus fragt Jesus, wie oft er seinem Bruder vergeben muss.
Und Jesus antwortet nicht sieben mal, sondern bis zu 70 × 7 mal.
Also immer. Also unbegrenzt.

„Jetzt ist aber Schluss“ passt nicht zu Jesus.
Eher passt zu ihm: jetzt ist aber Beginn.
Matthäus selbst soll vor seiner Berufung Zöllner gewesen sein.
Und als Jesus ihn ruft, und die Pharisäer sich empören,
dass Jesus mit so vielen Zöllnern und Sündern isst,
sagt er: ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

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