Darstellung des Herrn 2026
Sie haben gewartet – ihr Leben lang.
Tage kamen und gingen,
sie brachten nicht, was oder wen sie erwartet haben.
Die Sonne geht auf – die Sonne geht unter,
für die Prophetin Hanna über 30.000 mal –
und sie hat ihren Lichtblick nicht gefunden.
Wer hätte nicht Verständnis, wenn die Augen trüb würden,
das Herz müde angesichts all der offen gebliebenen Tage und Nächte.

Hanna und Simeon, sind über ihr Warten alt und grau geworden.
Jahre, jahrzehntelang hat sich ihre Erwartung nicht erfüllt.
Welch einen langen Atem
müssen sie und alle Wartenden gehabt haben und haben
dass ihnen die Luft nicht ausgeht, dass sie des Wartens nicht müde werden.
Das Aufgeben liegt so nahe:
Dass es keinen Sinn hat, an ein sinnvolles Leben zu glauben
und an die Sichtbarkeit von Heil
und an die Berechtigung und die Zielstrebigkeit des Wartens;
dass es vergeblich ist, darauf zu bauen, der könnte auftauchen,
der könnte Wirklichkeit sein, der ein erleuchtendes Licht ist, Ziel von allem.

Sie sind im Tempel geblieben; das heißt:
Sie haben die Spur der Verheißungen nicht verlassen.
Sie haben nicht aufgegeben, sie haben sich nicht dazu hinreißen lassen,
ihr Sehnen aus der Sehnsucht zu streichen und Sucht übrig bleibt.
Sie sind nicht taub geworden in ihren Gebeten,
sie haben sich selbst dabei nicht zugehört,
sondern ihr Ohr ins Unbekannte gehalten;
sie sind nicht blind geworden in ihrem Glauben,
sie haben ihren Blick nicht auf den Kult beschränkt
sondern ihre Augen auf die Menschen der Gegenwart gerichtet.
Wie sonst hätten sie Jesus und seine Eltern sehen sollen,
wären sie nicht wachsam gewesen für das Gegenwärtige?
Denn ein „großer und gewaltiger Tag“ war dieser Tag nicht;
es war ein ganz alltäglicher:
Menschen kommen und gehen, da sind die Eltern Jesu nicht die einzigen.

Anders als die Vielen sind Hanna und Simeon offengeblieben,
sie erkennen, wann und wo Jesus in ihrem Alltag zu finden ist.
Ihr Warten hat sie nicht stumpf, es hat sie hellwach gemacht.
Sie sind nicht die Alten, die nichts mehr mitkriegen,
sie haben vielmehr ihr Ohr am Puls der Zeit.

Eine vollmundige Geschichte ist das dennoch nicht.
Sie spricht zwar von Erfüllung,
aber die lange Lebenszeit, die ganze Lebenszeit
der beiden bestand aus Warten:
Wird es sein, was verheißen ist?
Wäre Aufgeben nicht viel einfacher?
Im gewohnten Trott bleiben, nur sehen und hören, was ich kenne?

Was machen wir,
wenn die Energie des Wartens verflogen scheint?
Wenn wartende Menschen Minderheit sind
und die Vielen fragen: Warum bist du nicht wie wir?
Was soll denn noch kommen?
Gib dich zufrieden mit dem, was ist.

Was machen wir, wenn die Müdigkeit einfach zu groß wird?
Wenn wir nicht mehr wollen, uns zu schwach fühlen?

Sind wir nicht auch eine müde Kirche geworden?
Steif, unbeweglich, kraftlos, gelangweilt in der Aufführung des ewig Gleichen und also eben ganz anders als die beiden Greisen Simeon und Hanna,
die das Beten, das Warten wach gehalten hat, aufmerksam, lebendig, gegenwärtig?
Die das Beten nicht aus der Gegenwart herausgenommen hat
sondern in sie hineingestellt, wachen Blickes.
Es könnte ja sein, dass Gott mir entgegenkommt
in bestimmten Situationen und Augenblicken, in bestimmten Begegnungen?

Wo kein Warten und Erwarten ist, ist auch kein Leben mehr.
Solange wir leben, warten wir,
und solange wir warten, leben wir.

 

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