C 15 2019 Lk 10, 25-37
Ein Gesetzeslehrer wollte Jesus auf die Probe stellen.
Offensichtlich ist er mit dem, was Jesus verkündet, unzufrieden.
Öffentlich möchte er Jesus vorführen.
Fast wirkt es so, als solle Jesus eine Prüfung ablegen –
und der Gesetzeslehrer hat sich fest vorgenommen,
Ihn durchfallen zu lassen.

Jesus scheint dieses Spiel zu durchschauen.
Er lässt sich nicht abfragen.
Glaube ist keine Abfragewissen.
Glaube ist eher Lebenspraxis als gelehrte Theorie.
Handle danach – und du wirst leben!
Kein Wissen ersetzt das Tun.
Aber Tun kann Wissen ersetzen.
Darum geht es im anschließenden Gleichnis:
Priester und Levit,
Leute, die über genügend religiöses Wissen verfügen müssten,
handeln nicht;
aber ein bei den Juden nicht angesehener,
ein von ihnen sogar verhasster, Samariter handelt.

Man kann Glauben und Religion auch kompliziert machen.
„Wer ist mein Nächster“ fragt der Gesetzeslehrer.
Natürlich weiß er die Antwort:
Nächste sind nach dem Buch Levitikus (19,17-19.33-34)
Angehörige der eigenen Sippe, des eigenen Volkes, Mitbürger,
auch die Fremden, die im Land wohnen.
Der Gesetzeslehrer will sich und seine Zunft rechtfertigen.
Eine Zunft, die in vielen Gesetzen und Vorschriften das,
was sie für Glauben und gelebten Glauben hält, auseinander bröselt.
Schreibtischfragen: wer ist mein Nächster?
Darüber kann man lange, eigentlich immer diskutieren.
Ist mir meine Familie am nächsten, das eigene Volk?
Gibt es Abstufungen? Und wenn, welche? Wann haben sie Bedeutung?
Gibt es Menschen, die mehr zählen als andere –
und was ist mit denen, die für niemanden zählen?
Fragen, die versuchen, sachlich etwas abzuhandeln,
was gar nicht sachlich abzuhandeln ist.
Jesus dreht die Frage darum um:
er fragt nicht: wer ist mein Nächster, sondern wem werde ich zum Nächsten?

Jesus stellt damit diese Frage aus der Perspektive des Verletzten.
Mit keiner anderen Perspektive ist Er selbst unterwegs:
immer aus der Perspektive der Eingeschränkten, der Rechtlosen,
der Niedergemachten.
Darum stellt Er das Kind in die Mitte,
darum geht Er dem einen verlorenen Schaf nach und lässt 99 im Stich.

Scharf formuliert:
Wer glaubt, fragt nicht, was muss ich tun,
um das ewige Leben zu erlangen?
Denn eine solche Frage ist eine egoistische, sie kreist nur um sich selbst
und sieht die anderen und eine mögliche gute Tat an ihnen
als Guthaben für das eigene Seelenheil.
Es geht dabei in Wirklichkeit nicht um sie, sondern um mich.
Wer glaubt, fragt eher: wem kann ich gut sein?
Oder: wer braucht mein gut sein?
Und Jesus sagt gleich dazu:
du musst nicht groß suchen.
Auf deinem Weg, egal, ob er von Jerusalem nach Jericho führt,
oder von A nach B, in jedem Fall von der Wiege bis zur Bahre,
begegnen dir Menschen am Rand,
Niedergeschlagene, Bedrückte, Fertiggemachte, von anderen Beschissene,
Missbrauchte, um ihr Leben Betrogene.
Wenn du nicht weiter gehst, wenn du dich betreffen lässt,
dann lebst du Glauben,
dann bist du schon im ewigen Leben.

Und Nachgedanken:

Sonntagsgedanken…mit alltäglichem Hintergrund: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
Und wurde von Räubern überfallen! Ich denke an die Frauen, denen man (Mann) ihre Würde geraubt hat, die nichts galten, Menschen zweiter Klasse, abhängig gemacht, denen man (Mann in der Kirche) einredet, was sie dürfen und was sie nicht dürfen, wo sie der göttliche Ratschluss haben will und wo nicht…wie verletzend, bestimmte Rechte nicht zuerkannt zu bekommen nur wegen des Frau seins; wie verletzend, eine Berufung als Priesterin schlichtweg abgesprochen zu bekommen, nur weil sie Frau ist.
Ähnlich Schwule und Lesben, wenn noch 2018 Kurienkardinal Cordes die Haltung der Kirche wiedergibt (hier im Bezug auf Segensfeiern für gleichgeschlechtlich liebende Menschen): „Sie wollen die Segnung ihrer sündhaften Verbindung. Sie zielen mit ihrem Ansuchen auf die Anerkennung ihrer homosexuellen Lebensweise und auf deren kirchliche Aufwertung. Diese soll als Normalität erscheinen. Kirchlicher Segen als Bestätigung einer Gott-widrigen Paarbeziehung? Dies erscheint nun wirklich frevelhaft.“ (in Stephan Loos/Michael Reitemeyer/Georg Trettin: Mit dem Segen der Kirche) Immer noch unterstützt (so auch im Buch zu lesen) Kirche in manchen Ländern eine Strafverfolgung, entlässt Mitarbeiter*innen und brandmarkt jede gesetzliche Entwicklung als naturrechtswidrig.
Und wurde von Räubern überfallen!!!
Vom Priester und Leviten heißt es: Er sah ihn und ging weiter. Sie gehen daran vorbei und glauben, sie dienten so Gott…
Zum Glück gibt es die Samariter. Eine Sarah Conner (mit Vincent), eine Community, einzelne Menschen, Maria 2.0. Zum Glück gibt es die Herbergen – und immer noch träume ich davon, dass Kirche eine solche Herberge sein kann. Oder ist Kirche schon längst außerhalb der verfassten Kirche? Wenn alljährlich beim CSD Gottesdienst mehrere hundert Menschen in der Kölner Antoniterkirche das Lied “Pilger sind wir Menschen” singen, in dem es heißt “Tausendmal getreten, tausendmal verlacht”, weiß jede*r, wovon sie/er singt…

 

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