Mach etwas aus deinem Anderssein

Ich bekomme einen Filmtipp von einem mir wichtigen Menschen. „Marvin“ heißt der Film, einer zum Antriggern. Ein Coming out-Film mit vielen Denkanstößen.
Marvin Bijou heißt die Hauptfigur. Mit Mobbing und Gewalt in Schule und Familie erfährt Marvin die volle Härte der französischen Provinz. Als Teenager bewirbt er sich an einem Theater-Internat, bekommt die Zusage. Es beginnt eine Wiedergeburt mit neuem Namen. Marvin Bijou wird Martin Clement in Erinnerung an seine Lehrerin, die in ihm das Schauspieltalent entdeckt hat.
Eine starke Szene ist, als einer der Ausbildenden aus seinem Leben erzählt, wie er „Schwuchtel“ genannt wurde, wie er Missachtung erfuhr, das Mauerblümchen war, einsam, isoliert, diskriminiert, für krank gehalten, immer fremd. Marvin schaut ihn mit großen Augen an, Tränen rinnen aus den Augen dessen, der als stiller, sensibler Junge von seinem eigenen Halbbruder die unmissverständliche Drohung bekam: „Ich bring dich um.“ Der Ausbilder hält inne und sagt zu Marvin: „Mach etwas aus deinem Anderssein!“
Dieses Wort trifft mich. Jeder ist anders, eine Persönlichkeit.
Will meine Kirche Persönlichkeiten? Sind sie ihr erträglich? Erleben wir nicht eher einen Einheitsbrei? Ist nicht gerade das Persönliche verloren gegangen?
Natürlich hat jedes Anderssein seine Grenze am Anderssein des anderen. Das ist klar. Aber was ist aus uns in der Kirche geworden? Aus den Idealen, aus den Begabungen? Wir schaffen große Räume, Priester werden zu Funktionären, zu Abziehbildern. Ein bisschen ist es sogar so gedacht: die gleiche Kleidung für alle, das gleiche Messbuch. Mir geht es nicht um Kritik daran, dass die hl. Messe überall relativ gleich gefeiert wird, das hat seinen Wert (aber einen absoluten?). Meine Frage ist, was sich entwickeln darf, was gehoben werden darf.
Marvin spielt auf der Bühne seinen eigenen Vater, seine Mutter, setzt in Szene, verarbeitet und wird neu, wird zu Martin, legt den alten Namen ab und lässt damit die Vergangenheit hinter sich. Denn er hat etwas erfahren: Es ist Platz für dich.
Das ist nicht unbedingt die Erfahrung von Menschen, wenn sie sich als Störfaktor empfinden, als nicht gewollt, als nicht verstanden, nicht gesehen, beschnitten werden, weil sie Frau sind, weil sie eine farbige Haut haben, weil sie kleinwüchsig sind, eine Behinderung haben, weil sie aus der Reihe schlagen, anders sind, irgendwie schrullig, in Armut hineingeboren wurden, weil sie nicht gefördert werden, mit ihren Begabungen nicht erkannt.
Es ist Platz für dich.
Was für eine Chance für uns als Kirche: Menschen entdecken in ihrer Individualität. Ihr Anderssein fördern, sie ermutigen, sich zu entdecken, neu zu werden.
Ist das nicht Taufe? Als Kind Gottes adoptiert werden, endlich erfahren dürfen: Hier finde ich Platz, meinen Platz, hier darf ich sein, mich entfalten? Ich werde nicht beschnitten, ich bin niemandem im Weg, ich störe nicht. Nicht meine Herkunft entscheidet, nicht das, was war, sondern das, was ist. Und das, was ist, ist: Gott nimmt mich an und macht mich dadurch eigentlich erst richtig möglich: eine neue Geburt, in der Taufe neu geboren aus Wasser und Geist.
Das ist doch eine Botschaft, eine starke, wenn Kirche sie ernst nimmt für jede und jeden, auch und gerade ernst nimmt für das immer noch starke Potential ihrer Mitarbeitenden. Kein Reformplan der Kirche vermag so anzusprechen, keine Rede davon, was sein müsste und was einmal kommen wird. Glaubhaft ist nur, was mich persönlich anspricht.
(Jesus erfährt bei seiner Taufe einen ihn persönlich ansprechenden Gott, einen ihn ansprechenden Himmel: Du bist mein geliebter Sohn. Ich find dich prima!). Mir wurde nicht gesagt: Mach etwas aus deinem Anderssein, aus deiner Art zu glauben, zu fühlen, zu lieben. Und ich wüsste nicht, dass es einem in meiner Ausbildung gesagt wurde. Und die, denen es von anderen gesagt wurde, sind gegangen. „Es sind immer die Besten, die gehen“, hieß es dann.
Und also werden Kanäle verstopft, es fließt nichts mehr, es kommt nichts in Bewegung, eine erstarrte Kirche, erstarrte, verharrende Priester. Eingefahren, beschränkt, gefangen. Ich schließe mich nicht aus.
Dann ist da ist so ein Film, eine Empfehlung, die etwas neu erschließt, sogar neu erschließt, was Taufe bedeuten kann und Kirche. Allerdings muss man dann nicht nur akzeptieren, sondern es auch wollen, dass die Familie Gottes keine heile ist, sondern dass zu ihr (nach Stefan Wahl in „…reiß die Himmel auf“, 2013, S. 80) „Unauffällige und Schrille“ gehören, „Musterfamilien und Beziehungschaoten, Heilige und Gauner, Asketen und Huren, Bankiers und Müllmänner, herzlich Fröhliche und abgrundtief Traurige, Glaubende und Zweifelnde“.

aus: Bernd Mönkebüscher: Unverschämt katholisch sein – Anstiftungen, echter 2019

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