C 18 2025 Koh 1,2; 2,21-23
Windhauch
Manche wundern sich, wie es diese und andere Zeilen
aus dem Buch Kohelet in die Bibel geschafft haben.
Sie wirken zunächst nicht motivierend, eher trüb.
Und jede Deutung dieser Zeilen lässt uns mit Fragen zurück.
Kohelet redet nicht viel von Gott.
Er beobachtet die Welt und das Treiben der Menschen und stellt fest:
Es bleibt nichts. Alles vergeht.
Es gab eine Zeit vor uns – und es gibt eine Zeit nach uns.
Es gab eine Zeit, bevor man uns kannte –
und es gibt eine Zeit – die uns nicht mehr kennen wird.
Was bleibt?
Und welch eine Bedeutung haben wir in der Zeit – und die Zeit für uns?
Manche Straßen werden nach Menschen benannt –
es kommt die Zeit, wo andere sich mühsam aneignen müssen,
wer denn die Namensgebenden waren –
und sie empfinden im Aneignen nichts mehr für sie.
Besondere Bauwerke entstehen, Denkmäler –
sie bleiben eine Zeit lang – was haben die Erbauenden davon?
Bücher werden geschrieben, Häuser und Imperien aufgebaut:
eine Portion Stolz für Augenblicke.
Kohelet ordnet uns Menschen ein und relativiert zumindest unser Tun.
Die Vergänglichkeit waltet in allem.
Uns wird keine Antwort angeboten,
sondern wir bleiben zurück mit der Frage,
was wir angesichts und mit der so beschriebenen Realität machen.
Ich werde aufmerksam auf ein Gedicht
der 2006 verstorbenen Schriftstellerin Hilde Domin mit dem Titel:
„Wie wenig nütze ich bin“, das mit anderen Worten beschreibt,
was Kohelet ausdrückt:
„Wie wenig nütze ich bin, ich hebe den Finger und hinterlasse nicht den kleinsten Strich in der Luft. Die Zeit verwischt mein Gesicht, sie hat schon begonnen. Hinter meinen Schritten im Staub wäscht der Regen die Straße blank wie eine Hausfrau. Ich war hier. Ich gehe vorüber ohne Spur. Die Ulmen am Weg winken mir zu wie ich komme, grün blau goldener Gruß, und vergessen mich, eh ich vorbei bin. Ich gehe vorüber - aber ich lasse vielleicht den kleinen Ton meiner Stimme, mein Lachen und meine Tränen und auch den Gruß der Bäume im Abend auf einem Stückchen Papier. Und im Vorbeigehn, ganz absichtslos, zünde ich die ein oder andere Laterne an in den Herzen am Wegrand.“
Das Gedicht geht einen Schritt weiter und benennt Sinn gebende Momente.
Sie lassen sich nicht in Zahlen ausdrücken oder bemessen –
sie sind nicht Besitz und stehen nicht im Verdacht der Geschäftemacherei.
Sie sind „ganz absichtslos“.
Mich spricht das Wort vom Laterne anzünden in den Herzen am Wegrand an.
Ich glaube, dass Jesus für viele so ein Laterne Anzünder war und ist –
und sein Windhauch nicht die verwehende Luft ist,
sondern Samen tragender Wind und Lebenshauch.
Und vielleicht ist es am Ende weniger das Tun, das Laternen anzündet,
sondern das Sein.
Wer wem Lichtblick ist, darüber weiß und kann weder das Buch Kohelet noch irgendein Buch der Welt etwas sagen.
Diese Wahrheiten stehen woanders.