2. Fa-So 2026 Gn 12, 1-4a
„Es hatte ein Mann einen Esel,
der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen,
so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward.
Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen,
aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort
und machte sich auf den Weg nach Bremen.
Dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.“
Sie kennen vermutlich die Bremer Stadtmusikanten,
eins der Grimms Märchen.
Unterwegs trifft der Esel nacheinander auf einen Hund,
eine Katze und einen Hahn.
Auch diese drei sind schon alt und sollen sterben. Sie folgen dem Esel.
Auf ihrem Weg kommen sie in einen Wald und beschließen,
dort zu übernachten. Sie entdecken ein Räuberhaus.
Indem sie sich vor dem Fenster aufeinander stellen
und mit lautem „Gesang“ einbrechen,
erschrecken und vertreiben sie die Räuber.
Die Tiere setzen sich an die Tafel und übernehmen das Haus als Nachtlager. Ein Räuber, der später in der Nacht erkundet,
ob das Haus wieder betreten werden kann, wird von den Tieren nochmals und damit endgültig verjagt.
Den Bremer Stadtmusikanten gefällt das Haus so gut,
dass sie nicht wieder fort wollen und dort bleiben.
„Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen.“
Ausgedient. Nichts mehr zu holen.
Nicht mehr brauchbar, wenn nur Leistung zählt.
Was kann noch kommen?
Das ist auch die Geschichte des Abram. Er war fünfundsiebzig.
Um 1000 vor Christus hatte man mit 75 Jahren
nichts mehr zu erwarten als den Tod.
Das durchschnittliche Lebensalter lag zu der Zeit vermutlich um die 40 Jahre.
Abram war schon 35 Jahre drüber…
Wer die Geschichte des Abram
nicht im Kontext unserer heutigen Lebensalter Erwartung liest,
sondern im Wissen um das durchschnittliche Lebensalter damals
versteht sie tiefer.
Denn die Geschichte des Abram sagt: Die Zukunft hat man nie hinter sich.
Wenn der Eindruck, selbst wenn die Erfahrung da ist: Das wars –
oder: Ich bin über – oder: Ich tauge zu nichts mehr,
können Aufbrüche zum Segen werden.
Ob es zwingend Ortswechsel sein müssen
wie bei den Stadtmusikanten oder wie bei Abram, sei dahin gestellt;
in jedem Fall Perspektivwechsel.
Wir kennen den Gedanken, der uns einreden will,
dass das Beste in der Vergangenheit liege – in der „guten alten Zeit“.
An Abram sehen wir, dass es für Gott kein „zu spät“ gibt.
Gott zu vertrauen heißt, den Blick vom Rückspiegel zu lösen
und nach vorn zu schauen.
Der Perspektivwechsel im Aufbruch Abrams ist der Übergang
von einer durch Herkunft und Vergangenheit definierten Identität
hin zu einer durch Gottes Verheißung gestalteten Zukunft.
Der Aufbruch beginnt in dem Moment, in dem wir akzeptieren,
dass wir nicht alle Antworten haben müssen,
sondern nur den nächsten Schritt.
Bei den Bremer Stadtmusikanten sagt der Esel zum Hahn,
der in der Suppe landen soll:
„Komm her mit uns, etwas Besseres als den Tod findest du überall.“
Vielleicht sind solche Beweggründe geerdeter als der große Ruf an Abram:
Ein Segen sollst du sein.
Aber sind das nicht segensreiche Menschen,
die sich nicht einfach abfinden mit einem Urteil,
das andere über sie gefällt haben –
wie die Besitzer der vier Tiere aus dem Märchen
ihr Ende beschlossen hatten?
Sind das nicht segensreiche Menschen,
die sich nicht abfinden mit irgendeiner Situation in ihrem Leben,
die traurig und perspektivlos macht?
Sind das nicht segensreiche Menschen,
die es Gott abnehmen, dass er zu jeder Zeit Neunanfänge ermöglicht?