zum 5. Fastensonntag 2020 Joh 11, 1-45
„Komm heraus“ ruft Jesus den Lazarus.
Mich sprechen in diesem Evangelium diese beiden Worte am meisten an.
Komm heraus.
Jesus ruft sie in die Starre des Todes, in die Grabhöhle,
ins Dunkel, ins Aufgegebene, ins Verabschiedete,
ins „dem Leben Verschlossene“.
Ich kenne Situationen, in denen ich mich zurückziehe, mich verschließe,
mich umnachtet fühle, aller Energie beraubt, vom Leben wie abgeschnitten.
Depressionen sind so ein dunkles Loch,
die uns erstarren, bewegungslos machen.
Menschen sprechen nicht gern über ihre „Grabhöhlen“,
mitunter können wir es auch gar nicht,
weil wir uns sprachlos fühlen
oder wir uns nicht äußern, uns nicht verständlich machen können.
Es scheint uns alles wie abhanden geraten.
Das Evangelium spricht von vier Tagen.
Auf jeden Fall ist damit ein Zeitraum gemeint, der ausdrücken soll:
da geht nichts mehr;
ausgeschlossen, dass sich da noch etwas ändert.
Und es stimmt ja:
vieles, was uns „platt macht“, wie leblos, niedergedrückt,
auf den Boden der Tatsachen wirft,
können wir nicht ändern.
Es erscheint aussichtslos.
Wir bedürfen der Hilfe von außen.
Der Therapeut nimmt uns nicht ab, selbst die Höhle zu verlassen,
aber er erreicht uns – wenn es gut geht – da,
wo uns Kraft zufließt, uns wieder zu erheben.
Wir brauchen die Rufe von außen.
Weil sie davon reden, dass jemand da ist, der uns nicht aufgibt.
So haben Menschen Jesus erfahren bis heute:
als den, der ins Leben ruft, der Menschen im dunkelsten Loch erreicht.
Das alte Glaubensbekenntnis ging sogar so weit,
das Höllenloch miteinzubeziehen:
hinabgestiegen in das Reich der Hölle,
um die Menschen heraus zu holen.
Welch kräftige Bilder.
In dieser schwierigen Zeit brauchen wir Menschen,
die uns erreichen, die sagen: Komm heraus.
Natürlich sind uns derzeit in der Corona Krise Grenzen gesetzt.
Menschen erleben sich hilflos, wie eingeschlossen.
Ein Ausnahmezustand.
Jetzt sind Lichtblicke in den „Höhlen“ nötig,
belebende Worte, An-Rufe.
Wir brauchen Menschen, die uns ansprechen,
und Menschen brauchen uns als sie Ansprechende.
Wo wir das leben,
erübrigt sich die Frage nach dem historischen Kern des Evangeliums.
Denn wir er-leben dessen überzeitliche Kraft und Wahrheit.
Danke, dass Sie die Predigten zum Sonntagsevangelium auch in dieser kontaktarmen Zeit zur Verfügung stellen! „Geistermessen“ sind mir ein Gräuel und auch TV- oder Radio-Wortgottesdienste finde ich nicht sehr hilfreich, aber Ihre Gedanken zum Text helfen mir bei der eigenen Auseinandersetzung damit und lassen mich die Verbindung mit vielen (allen) Menschen fühlen.
Auch sonst weiss ich es zu schätzen, die Predigt noch einmal in Ruhe nachlesen oder aus der Entfernung mitverfolgen zu können.
In dieser bedrückenden Zeit ist sie ein besonderer leiser Begleiter – schön zu wissen, für viele. Danke dafür.
Wir brauchen Menschen, die uns ansprechen. Seit gut sechs Wochen bin ich nun Witwe. Bis zum 12.März gab es Verwandte und Freundinnen, die mich besuchten und mir beistanden. Durch die Corona Krise ist alles anders. Alleinsein kann ich eigentlich gut. Aber nun ist alles schwerer. Niemand ist bei mir in der Wohnung. Ja, es gibt Mails, es gibt WhatsApp Nachrichten, es gibt Telefonate. Zweimal habe ich eine andere alleinstehende Frau angerufen und wir gingen im Wald spazieren. Doch immer wieder falle ich in ein dunkles, tiefes Loch. Es ist nicht so leicht sich in Zeiten von Corona nach 50 Jahren Partnerschaft an den Witwenstand zu gewöhnen. Ich brauche Menschen und Nähe sehr und ausgerechnet jetzt gibt es keine Nähe. Das Weiterleben kostet viel Kraft.