Pfingsten 2021 Joh 15, 26-25; 16, 12-15
Muttersprache.
Ich bleibe bei diesem Wort hängen.
Muttersprache ist mehr als die Sprache,
die man in dem jeweiligen Land spricht, in dem man lebt.
Sie ist auch mehr als der möglicherweise bestehende Dialekt,
also die lokale oder regionale Sprachvarietät.
Muttersprache ist die Sprache, die wir als Kinder von den Eltern
oder von einer zentralen Bezugsperson ohne formalen Unterricht erlernen.
In ihr gibt es Ausdrücke oder Bezeichnungen, die familienspezifisch sind;
in ihr gibt es Formulierungen, die jemand von außen nicht versteht,
wahre Insider.
Wo eine Sprache gesprochen wird,
die der so verstandenen Muttersprache ganz nahe kommt,
fühlen wir uns wohl.
Sie erzeugt Nähe und ein Gefühl von Heimat.

Die Menschen der vielen Nationalitäten, die in Jerusalem wohnen,
hören am Pfingsttag die Geisterfüllten
in ihrer je eigenen Muttersprache reden.
Das ist mehr als eine gelungene Kommunikation:
das gesprochene Wort hat wirklich eine echte Chance,
verstanden zu werden und anzukommen
und dies so persönlich wie möglich
oder so persönlich, wie es Personen gibt, die sich dort aufhalten.

Der Hl. Geist spricht unzählig viele Muttersprachen;
wir könnten auch sagen: Gott stellt sich auf jeden Menschen persönlich ein.
Er weiß, wer welches Wort braucht,
und Er weiß, wie es gesprochen werden muss, damit es ankommen kann.
Denn das ist ja von Anfang an Sein großes Ziel:
beim Menschen ankommen, bei jedem einzelnen.

Der Hl. Geist, die vom Hl. Geist Erfüllten sprechen die Sprache des anderen,
sprechen die Sprache dessen, den sie erreichen möchten.
Von Martin Luther gibt es die Redewendung,
an die er sich bei seiner Bibelübersetzung gehalten hat:
er bemühe sich, „den Leuten aufs Maul zu schauen”.
Ihm ging es nicht darum, fremde Sprachformen ungelenk nachzubilden,
sondern das Wort Gottes in die Muttersprache zu übersetzen.

Wenn man uns heute sagt, eure Kirchensprache verstehe ich nicht,
sie sagt mir nichts, dann ist es ein Hinweis auf gestörte Kommunikation,
aber vielleicht ist es auch ein Hinweis,
dass wir uns zu wenig vom Hl. Geist treiben lassen,
denn vom Geist Getriebene sprechen so, dass sie eine jede in ihrer,
dass sie ein jeder in seiner Muttersprache reden hört.

Die Jüngerinnen und Jünger
haben genau dies schon an Jesus erleben können:
nicht nur, dass Er in Bildern und Gleichnissen spricht,
die an die Umgebung anknüpfen: das Weizenkorn, das Fisch fangen;
sondern jeder Mensch konnte es in der Begegnung mit Ihm erleben,
denn diese waren immer persönlich zugewandt.
Mochte die Menge drum herum noch so groß sein,
in den Heilungsgeschichten etwa entsteht ein Begegnungsraum,
der das Drumherum ausblendet,
es entsteht eine Nähe von Person zu Person,
eine auf den jeweiligen Menschen hin abgestimmte Heilungszeremonie.

Dass mit dem Pfingsttag die Kirche wächst, hat genau damit zu tun,
dass sich Menschen in ihrem persönlichen Leben angesprochen fühlen.
Wir sagen: etwas oder jemand beginnt mit mir zu sprechen,
wenn ich mich verstanden fühle,
wenn ich erlebe, wie Gesprächsfäden sich ergänzen
und aufeinander abgestimmt sind.

So wie es Menschen „tragen“ können, spricht Jesus mit ihnen,
hören wir im Johannesevangelium.
Nicht anders scheint der Gottesgeist zu wirken:
abgestimmt auf die Fassungsgabe des jeweiligen Gefäßes,
des jeweiligen Menschen, der ihn aufnimmt.

Pin It on Pinterest

Share This