zum Palmsonntag
Wenn es eben geht, öffne ich abends um 19.30 ein Fenster. Ich höre den Glocken zu: denen, die ich ganz nahe höre und denen aus der Ferne. Ich weiß mich in den Minuten mit anderen Menschen verbunden, nah und fern, die das gleiche tun. Manche werden dabei beten, manche hören einfach nur hin.
Der Klang der Glocken dringt an jedes Ohr. Es gibt keine katholischen oder evangelischen Glocken. Sie sind hörbar für Christen und Nichtchristen. Sie signalisieren, was Papst Franziskus bei seinem Segen Urbi et Orbi am 27.03. gesagt hat: Wir sitzen alle in einem Boot. Glaubende, nicht Glaubende, anders Glaubende.
Wir als Menschheitsfamilie sind herausgefordert. Die Angst vor dem Virus und vor dem, was es gesellschaftlich bewirkt, verbindet. Niemand weiß genaues. Viele tun ihr mögliches. Wir leben und erleben eine neue Form von Verbundenheit und Rücksicht. Wir teilen die Trauer über das, was wir vermissen: unkomplizierte Begegnungen, Umarmungen, Freizeitgestaltung, Normalität und Unbeschwertheit. Denn in vielem sind uns die Hände gebunden. Und manchmal weiß man bei all den Informationen und Berichterstattungen, die uns erreichen, nicht, wem man was glauben soll, geschweige denn, was man selbst sagen soll.
Ich empfinde diese Wochen (Monate) als eine große Unterbrechung. Wobei dieses Wort auch nicht alle Aspekte mit einbezieht: die einen sind wie lahm gelegt, die anderen werden über ihre Grenzen hinweg heraus gefordert.
Zurück zum abendlichen Glockenläuten: ein Moment Lauschen in der Geschäftigkeit und Nachdenklichkeit. Ganz Ohr für das, was jetzt gerade ist. Dankbar für alle, die an diesem Tag Kostbares und Notwendiges geleistet haben. Und mich geistig verbindend mit allen, die Angst vor der Nacht haben, die Angst haben, nicht genug tun zu können. Vielleicht noch ein Stoßgebet, das kürzeste, das stärkste, ein Seufzen: O Gott.

zu Ostern
Auf dem Kalenderblatt steht Ostern. Alljährlich. Aber dieses Jahr ist alles anders. Das Fest fällt in eine schwere Zeit. Angst. Ohnmacht. Ratlosigkeit. Die vielen Toten. Das einsame Sterben. Wie soll da Freude aufkommen? Und was wäre Freude? Wenn alles überstanden ist? Wenn wir mit einem blauen Auge davon kommen? Wenn das „normale“ Leben weiter geht? Und dann? Selbst wenn wir davon kommen: es hat doch Tote gegeben, es hat Wunden geschlagen. Kein Abschied nehmen können, bei der Beerdigung nicht dabei sein. Die grausamen Erfahrungen des ärztlichen und pflegerischen Personals, wirtschaftliche Folgen, psychische Folgen.
Vielleicht ist uns in diesem Jahr Ostern näher als sonst. Der auferstandene Herr erscheint den Jüngern mit seinen Wunden. Er bleibt der von ihnen Gezeichnete. Sie sind nicht weg. Sein Tod ist durch Ostern nicht ausgelöscht, er bleibt präsent. Mehr noch: nur weil er die Wunden auch an Ostern und nach Ostern trägt, ist er den Jüngern glaubwürdig.
Ich halte Ostern nicht für ein lautes, für ein fröhliches Fest. Die Evangelien erzählen von der Furcht der Jünger, vom nicht verstehen, vom nicht durchblicken. Wir hören davon, wie schwer es der Osterglaube hat, bei den Jüngern anzukommen, wieviele Anläufe es braucht.
Das wiederum tröstet. Ich bin mit meiner Angst dabei. Mit meinem Zweifel. Mit den Todesschatten. Mit der Ohnmacht. Im Osterevangelium ist dafür Platz. Ich muss mich nicht dafür entschuldigen, verteidigen, erklären. Stattdessen darf ich hören, wie Jesus Menschen nach wie vor genau in solchen Situationen aufsucht, mit ihnen das Brot bricht.
Das tut gut: Brot brechen. Denn das tun Menschen heute auch, gerade jetzt. Das teilen, was stärken kann. Was Verbundenheit ausdrückt. Hoffnung gibt.
Der 2015 verstorbene Schriftsteller Arnim Juhre dichtet: „Sing nicht so schnell dein Glaubenslied, sing nicht so laut, so grell. Der Glaube trägt ein schweres Kleid aus Gnadenglück und Sterbeleid. Vielleicht kommt er dir nahe. Vielleicht bleibt er dir fern.“ Leise Grüße zu Ostern.

zum Sonntag nach Ostern
Es war alles ganz anders. Nicht weniger intensiv. Auch wenn die gewohnten Gottesdienste, die vertrauten, immer wieder kehrenden Worte, das immer gleich aufgeführte Ritual fehlten. Stattdessen viel mehr Augenblicksbegegnungen, Stille in den Kirchen, ein Kommen und Gehen, mit eigenen Gedanken, Gebetsfetzen, bloßes Schauen, Riechen, Wahrnehmen, ein Wechsel von wahrgenommener Leere und bewusst erlebtem Wiedersehen, Verweilen vor dem Kreuz, Menschen mit Tränen in den Augen. Ich habe es als eine ganz andere Art von Liturgie empfunden: keine, die mit gewaltigen Worten alles einordnet, für jede Situation das passende (?) Wort aus ihrem Repertoire hervor holt, je nach Kalendertagen ein Freuden- oder Trauerkleid trägt, keine gefeierte Parallelwelt, die unabhängig von dem, was aktuell geschieht, immer da ist. Das alles hat seine Berechtigung. Es kann wie ein Halt gebendes Geländer sein. Aber sich nur am Geländer entlang hangeln nimmt das Gespür für den Weg.
Ich konnte mir in den Medien keine Gottesdienste anschauen. Für mich passte es nicht. Zu massiv empfinde ich den Einschnitt dieser Wochen, zu betroffen bin ich von den Massengräbern für die vielen an oder mit Corona Verstorbenen, von der Angst und Sorge vieler Menschen. Mir fehlen einfach die Worte. Mir sagt derzeit das Schweigen mehr als die immer schon gehörten, teilweise zu sehr vorhersehbar kommentierten, „bepredigten“ Worte.
Ich mag auch nicht deuten. Wäre es nicht viel zu früh? Braucht es nicht immer den zeitlichen Abstand, um Geschehenes zu verstehen? Der Karsamstag ist in diesen Tagen eben nicht nur ein Tag; und wir erleben ihn nicht als einen Vorbereitungstag auf Ostern, sondern mit aller traurigen Ungewissheit, mit aller Ohnmacht und Angst.
Der Karsamstag ist ein Sabbat, ein Ruhetag. Eine Unterbrechung. Kein Tag zum Weitermachen, sondern zum Besinnen, zum Orientieren; ein Tag, um die eigene Ruhe mit dem Ruhen Gottes am siebten Tag zu verbinden. Ein abschließender Tag, nach dem kein „Weiter so“ folgt, sondern ein neuer Anfang.

zum 26.04.2020
Es ist ein Ringen. Ein Ringen um Lebensqualität. Ein Ringen mit Existenznöten. Ein Ringen mit der Einsamkeit. Ein Ringen mit Einschränkungen. Ein Ringen mit der Angst. Ein Ringen um Menschlichkeit.
Ein Ringen mit dem Leben. Auch ein Ringen um den guten Ton. Um faire Auseinandersetzungen. Wer jetzt daher kommt und Grundrechte dauerhaft in Frage gestellt sieht und deren Einschränkungen nicht der Krise geschuldet, muss es begründen können. Und Alternativen haben. Und im Ton nicht verletzen. Auch in der Kirche. Ich sehe die Religionsfreiheit nicht gefährdet. Die Kirchen sind auf. Ich kann beten, diskutieren, wünschen, streiten, Gottesdienste im Netz mitfeiern, die Glocken läuten. Mir fehlt auch das Miteinander, das unbegrenzte und unbefangene Miteinander, das mögliche Zusammenkommen für jede und jeden. Aber ich weiß auch, warum es derzeit nur erschwert oder gar nicht geht. Derzeit. Und derzeit heißt: Geduld.
Jemand schreibt mir: ich habe immer gesagt, wir schauen auf das Leben NACH Corona (und hatte dabei 2 – 3 Monate im Blick), ich muss jetzt sehen, dass sich mein Blick auf ein Leben MIT Corona bezieht.
Vielleicht brauchen wir weniger einen Blick, der darauf schaut, was alles derzeit nicht geht und stattdessen einen, der darauf schaut, was neu wächst: gewonnene Zeit füreinander, das wache Auge auf den hilfsbedürftigen Nachbarn, eine gewisse Entschleunigung, die Mitsorge, dass um Existenz ringende Betriebe und Einrichtungen die Durststrecke überstehen, das wachsende Gespür, wie wichtig und bedeutsam eigentlich alle Berufe sind und dem Wohl aller dienen und vieles mehr.
Das eine ist, die Kommunikation auszubauen und sie über Telefonkonferenz oder andere Schaltungen zu betreiben. Das andere ist, Kommunikation generell zu verbessern im guten Hören aufeinander, im Unterlassen von Unterstellungen, im Aufgreifen guter Ideen und nicht im Herauspicken von Äußerungen, die vielleicht unsauber formuliert sind (das kann jede Talkshow am Fernsehen). Wir haben nicht in der Hand, was auf uns zukommt; aber ein bisschen haben wir in der Hand, was wir damit und daraus machen.

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Zwei Worte werden mir immer wichtiger im Blick darauf,
was Kirche mir bedeutet.
Es sind die beiden Worte wegen und trotz.
Ich stehe hier wegen der Kirche und trotz der Kirche.

Wegen:
ich bin mit der Kirche groß geworden.
Sie ist Hüterin der Hoffnung.
Sie vermag es,
die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch zu versammeln.
Das, was sonst im Alltag so oft bedeutsam ist, spielt keine Rolle:
das Alter, der Beruf, der Verdienst.
Und schaue ich ins Evangelium, dann spielt noch mehr keine Rolle:
die Einheit in Christus hebt die Bedeutsamkeit der Unterschiede
von Juden und Griechen, Sklaven und Freien, männlich und weiblich auf.
Kirche vermag es, darzustellen.
In den Festen, in den Gottesdiensten setzt sie in Szene.
Sie lässt den Glauben riechen und schmecken,
sie lässt ihn leuchten und fühlen.
Das Leiden von Menschen findet in ihr Raum:
die Tränen der Trauer, die Lebensängste.
Die Wände der Gotteshäuser können davon erzählen:
von den kindlichen Bitten, von den lautlosen Schreien,
von den verzweifelten Rufen, von den ungezählten Sorgen.
Kirche hält die Botschaft Jesu wach.
Sie hört nicht auf, von ihm zu reden, an ihn zu erinnern,
sein Wort in unseren Alltag zu bringen.
Sie ist einfach da,
ergänzt unser alltägliches Tun um himmlische Perspektiven.
Wir sind nicht Gefangene des Augenblicks,
wir schauen über unseren Tellerrand hinaus.
Kirche hat in ihrer Gemeinschaft wunderbare Menschen:
Die hl. Teresa von Avila:
„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber.
Gott allein bleibt derselbe.
Wer Geduld hat, der erreicht alles.
Wer Gott hat, der hat alles. Gott alleine genügt.“ sagt sie.
Frere Roger:
„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast.
Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ sagt er.
Kirche hat dich und mich:
Menschen, die mit ihrem Glauben ringen, die zweifeln,
die getragen werden und selbst tragen,
die ausgestreckte Hände brauchen und selbst Hände ausstrecken.
Ich glaube wegen der Kirche.

Aber ich glaube auch trotz der Kirche.
Denn sie ist manchmal wie eine Mutter,
die ihr Kind nicht groß werden lassen will,
die es gern abhängig halten will.
Sie versteht die Sakramente eher als Belohnung für rechtschaffenes Leben
und weniger als Zeichen der Gottesnähe in allen Lebenslagen.
Sie tut sich schwer, im Heute anzukommen,
die Sprache unserer Zeit zu sprechen.
Sie setzt manches Zeitbedingte aus der Zeit Jesu ins Absolute,
etwa die Rolle von Frauen.
Wem leuchtet heute noch ein, dass das Geschlecht über Berufung steht,
der große Tonangeber in der Kirche, der Papst,
prinzipiell ein Mann sein muss?
Sie bemüht sich nicht um einsichtige Argumente,
sie versteckt sich hinter einer für sich in Anspruch genommenen Autorität.
Sie möchte den Eindruck vermitteln, dass sie alles besser weiß,
einen direkten Draht zum Himmel hat.
Und darum hört sie auf ihre eigene Theologie nicht,
wenn sie ihr unbequem wird,
darum hört sie so schwer auf Menschen,
die einen Platz in ihr suchen und doch als Menschen zweiter Klasse gelten:
Menschen, die in ihrer Ehe gescheitert sind und wieder heiraten,
Schwule oder Lesben, die ihre Partnerschaft segnen lassen wollen,
Menschen, die sich im falschen Körper fühlen
und darum eine Geschlechtsumwandlung vornehmen.
Sie tut sich generell schwer mit erwachsenen Menschen,
die eigenständig denken, die fragen und hinterfragen.

Trotz der Kirche zu glauben ist schwerer als wegen der Kirche zu glauben.
Es bedeutet Abgrenzung und Widerstand.
Es bedeutet, sich nicht beirren, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Es bedeutet, sich vom Machtgehabe und von Machtmissbrauch
den Glauben nicht verdunkeln oder gar zerstören zu lassen.
Es bedeutet, sauber zu trennen, wo ich den Gottesgeist am Werk sehe
oder menschliche Eitelkeit und menschlichen oder männlichen Größenwahn.
Es bedeutet mitunter, die eigene Glaubenspflanze
vor kirchlicher Frostigkeit zu schützen, damit sie am Leben bleibt.
Und es bedeutet, auszuwählen und Kirche genau die Bestimmung zu geben,
die ihr zukommt: Glaubensdienerin zu sein.
Nicht mehr, nicht weniger.
Glaubensdienerin heißt:
Was von dem, was mir Kirche schenken möchte, kann ich annehmen?
Was nicht?
Wo dient Kirche meiner Gottesbeziehung, wo gefährdet sie sie sogar?
Wo lasse ich Kirche hinein schauen, wo nicht?
Und wo leiste ich Widerstand,
trete ein und auf für das, was mir wichtig ist, wo ich Unrecht wahrnehme,
Unmenschlichkeit oder sogar Botschaften,
die dem Evangelium widersprechen?
Wo leiste ich Widerstand, weil ich Kirche als Glaubensheimat
nicht verlieren möchte,
weil ich sie weiter als Hüterin der Hoffnung möchte und brauche?

In einem Dokument des 2. Vatikanischen Konzils steht folgender
wie ich finde großartige Satz zu lesen:
„Wer bescheiden und ausdauernd
die Geheimnisse der Wirklichkeit zu erforschen versucht,
wird, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist,
von dem Gott an der Hand geführt, der alle Wirklichkeit trägt
und sie in sein Eigensein einsetzt.“

Auch für uns Christen zählt die Wahrheitssuche, das eigene Gewissen.
Beides kann uns niemand, auch die Kirche nicht, abnehmen.
Kirche ist die ancilla, die Magd des Herrn.
Sie, die so gern Maria als Vorbild hinstellt,
muss genau das mit ihr gemeinsam haben:
das Hören auf das Gotteswort, der in jedem Menschen,
in jeder Wirklichkeit sich ausspricht und Gestalt annimmt.

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