Zwei Worte werden mir immer wichtiger im Blick darauf,
was Kirche mir bedeutet.
Es sind die beiden Worte wegen und trotz.
Ich stehe hier wegen der Kirche und trotz der Kirche.

Wegen:
ich bin mit der Kirche groß geworden.
Sie ist Hüterin der Hoffnung.
Sie vermag es,
die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch zu versammeln.
Das, was sonst im Alltag so oft bedeutsam ist, spielt keine Rolle:
das Alter, der Beruf, der Verdienst.
Und schaue ich ins Evangelium, dann spielt noch mehr keine Rolle:
die Einheit in Christus hebt die Bedeutsamkeit der Unterschiede
von Juden und Griechen, Sklaven und Freien, männlich und weiblich auf.
Kirche vermag es, darzustellen.
In den Festen, in den Gottesdiensten setzt sie in Szene.
Sie lässt den Glauben riechen und schmecken,
sie lässt ihn leuchten und fühlen.
Das Leiden von Menschen findet in ihr Raum:
die Tränen der Trauer, die Lebensängste.
Die Wände der Gotteshäuser können davon erzählen:
von den kindlichen Bitten, von den lautlosen Schreien,
von den verzweifelten Rufen, von den ungezählten Sorgen.
Kirche hält die Botschaft Jesu wach.
Sie hört nicht auf, von ihm zu reden, an ihn zu erinnern,
sein Wort in unseren Alltag zu bringen.
Sie ist einfach da,
ergänzt unser alltägliches Tun um himmlische Perspektiven.
Wir sind nicht Gefangene des Augenblicks,
wir schauen über unseren Tellerrand hinaus.
Kirche hat in ihrer Gemeinschaft wunderbare Menschen:
Die hl. Teresa von Avila:
„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber.
Gott allein bleibt derselbe.
Wer Geduld hat, der erreicht alles.
Wer Gott hat, der hat alles. Gott alleine genügt.“ sagt sie.
Frere Roger:
„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast.
Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ sagt er.
Kirche hat dich und mich:
Menschen, die mit ihrem Glauben ringen, die zweifeln,
die getragen werden und selbst tragen,
die ausgestreckte Hände brauchen und selbst Hände ausstrecken.
Ich glaube wegen der Kirche.

Aber ich glaube auch trotz der Kirche.
Denn sie ist manchmal wie eine Mutter,
die ihr Kind nicht groß werden lassen will,
die es gern abhängig halten will.
Sie versteht die Sakramente eher als Belohnung für rechtschaffenes Leben
und weniger als Zeichen der Gottesnähe in allen Lebenslagen.
Sie tut sich schwer, im Heute anzukommen,
die Sprache unserer Zeit zu sprechen.
Sie setzt manches Zeitbedingte aus der Zeit Jesu ins Absolute,
etwa die Rolle von Frauen.
Wem leuchtet heute noch ein, dass das Geschlecht über Berufung steht,
der große Tonangeber in der Kirche, der Papst,
prinzipiell ein Mann sein muss?
Sie bemüht sich nicht um einsichtige Argumente,
sie versteckt sich hinter einer für sich in Anspruch genommenen Autorität.
Sie möchte den Eindruck vermitteln, dass sie alles besser weiß,
einen direkten Draht zum Himmel hat.
Und darum hört sie auf ihre eigene Theologie nicht,
wenn sie ihr unbequem wird,
darum hört sie so schwer auf Menschen,
die einen Platz in ihr suchen und doch als Menschen zweiter Klasse gelten:
Menschen, die in ihrer Ehe gescheitert sind und wieder heiraten,
Schwule oder Lesben, die ihre Partnerschaft segnen lassen wollen,
Menschen, die sich im falschen Körper fühlen
und darum eine Geschlechtsumwandlung vornehmen.
Sie tut sich generell schwer mit erwachsenen Menschen,
die eigenständig denken, die fragen und hinterfragen.

Trotz der Kirche zu glauben ist schwerer als wegen der Kirche zu glauben.
Es bedeutet Abgrenzung und Widerstand.
Es bedeutet, sich nicht beirren, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Es bedeutet, sich vom Machtgehabe und von Machtmissbrauch
den Glauben nicht verdunkeln oder gar zerstören zu lassen.
Es bedeutet, sauber zu trennen, wo ich den Gottesgeist am Werk sehe
oder menschliche Eitelkeit und menschlichen oder männlichen Größenwahn.
Es bedeutet mitunter, die eigene Glaubenspflanze
vor kirchlicher Frostigkeit zu schützen, damit sie am Leben bleibt.
Und es bedeutet, auszuwählen und Kirche genau die Bestimmung zu geben,
die ihr zukommt: Glaubensdienerin zu sein.
Nicht mehr, nicht weniger.
Glaubensdienerin heißt:
Was von dem, was mir Kirche schenken möchte, kann ich annehmen?
Was nicht?
Wo dient Kirche meiner Gottesbeziehung, wo gefährdet sie sie sogar?
Wo lasse ich Kirche hinein schauen, wo nicht?
Und wo leiste ich Widerstand,
trete ein und auf für das, was mir wichtig ist, wo ich Unrecht wahrnehme,
Unmenschlichkeit oder sogar Botschaften,
die dem Evangelium widersprechen?
Wo leiste ich Widerstand, weil ich Kirche als Glaubensheimat
nicht verlieren möchte,
weil ich sie weiter als Hüterin der Hoffnung möchte und brauche?

In einem Dokument des 2. Vatikanischen Konzils steht folgender
wie ich finde großartige Satz zu lesen:
„Wer bescheiden und ausdauernd
die Geheimnisse der Wirklichkeit zu erforschen versucht,
wird, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist,
von dem Gott an der Hand geführt, der alle Wirklichkeit trägt
und sie in sein Eigensein einsetzt.“

Auch für uns Christen zählt die Wahrheitssuche, das eigene Gewissen.
Beides kann uns niemand, auch die Kirche nicht, abnehmen.
Kirche ist die ancilla, die Magd des Herrn.
Sie, die so gern Maria als Vorbild hinstellt,
muss genau das mit ihr gemeinsam haben:
das Hören auf das Gotteswort, der in jedem Menschen,
in jeder Wirklichkeit sich ausspricht und Gestalt annimmt.

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