Vorwort im Buch

Als Kind fand ich die Emmauserzählung furchtbar lang, auch langweilig. Ich dachte immer, dass das Spannende ausgelassen wird, wenn es von Jesus heißt: „Er legte ihnen dar, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.“ Genau das hätte ich gern gehört; es wird aber nicht berichtet. Stattdessen bekommt die Trauer der beiden Jünger großen Raum. Sie klagen ihr Leid, benennen ihre Enttäuschung.

Im Lauf der Zeit ist mir diese Erzählung immer wichtiger geworden. Denn das ist doch bis heute so, auch in meinem Leben: Blindheit, kein Durchblick, Wut, Trauer, enttäuschte Hoffnungen, Ratlosigkeit nehmen Raum ein in den alltäglichen Herausforderungen aber ebenso in meinen Glaubensversuchen, die für mich wie für viele andere auch so stark an die katholische Kirche gebunden sind.

Die Emmausgeschichte sagt mir: schafft Erzählräume. Geht Wege miteinander, auf denen ihr euch mitteilt, was euch bewegt. Verschließt euch nicht. Geht raus mit euren Gedanken, eurer Enttäuschung, brecht die „Blasen“, die „Bubbles“ auf, teilt euch auch den „Wildfremden“ mit. Denn dann verändert sich was. Es wächst eine neue Gemeinschaft, man ist am dunklen Abend nicht allein, landet am Tisch, isst zusammen, Herzen beginnen zu glühen. Und du merkst: da ist mehr.

Das ist die Idee dieses Buches: Eine Wanderung, Durchgänge durch Erlebtes, durch traurig Stimmendes, aber auch durch bleibende Hoffnung, die ich mit Jesus verbinde. Ich sehe mich nicht als einen der Wegwissenden, die in unseren Zeiten mir nahezu inflationär geworden erscheinen und Lösungsangebote für Kirche und Welt anbieten. Ich sehe mich gar nicht des Weges kundig, eher loslaufend wie die Emmausjünger, die vielleicht neben dem enttäuschten „Bloß weg hier“ zwar Emmaus als Ziel hatten, es aber dann doch aufgrund ihres Austausches verändert erreichen und noch veränderter wieder verlassen. Denn das Wesentliche ist unterwegs geschehen: Im Aufarbeiten, im Benennen von Enttäuschung, im nicht mehr weiter wissen. Wo unsere Kirche nicht von Grund auf aufarbeitet, was an Unrecht, an Verletzung, an Lebensraubendem geschehen ist, institutionell und bei einzelnen, wo es nicht benannt und eingestanden wird, wird – davon bin ich überzeugt – die Begegnung mit dem auferstandenen Christus nicht stattfinden. Das Aufarbeiten, das Nachgehen, das miteinander Reden wird zur Voraussetzung der Ostererfahrung der Emmausjünger und zur Ostererfahrung der Kirche.

Sie als Lesende, als „Wildfremde“ gehen in diesem Buch mit mir, ich rede einfach drauf los, schreibe, was mir als Mensch, der meint, von Jesus etwas gehört zu haben, was mir als Priester, der in einer Institution arbeitet, die für sich in Anspruch nimmt, sich Jesus verschrieben zu haben, durch den Kopf geht, was mich beschäftigt, fragen lässt, mutlos macht.

Es wird um manche Themen gehen, persönliche und kirchenpolitische, es wird um die Abhängigkeit von (zölibatären) Männern in der Kirche gehen und um das, was wir eigentlich unter Eucharistie verstehen. Insbesondere die Corona Zeit hat die Frage nach der Eucharistie vertieft aufgeworfen: In den Wochen, in denen Gottesdienste nicht öffentlich gefeiert wurden, beantworteten die einen die Herausforderung mit Privatmessen, die sie „für“ andere feierten; die anderen solidarisierten sich mit eucharistischem Fasten; wieder andere deuteten die Zusammenkünfte im Geist Jesu in den Hausgemeinschaften und kleinen Zusammenkünften als eucharistische Gemeinschaft.

Wohin geht „die Reise“? Was wird bei den Lesenden in Bewegung kommen oder zum Einspruch reizen? Wie nehme ich die hier festgehaltenen und mitgeteilten Gedanken in einigen Jahren vielleicht auf?

Die Jünger hatten am „ersten Tag der Woche“ Emmaus als ihr Ziel, aber was sich auf dem Weg ereignen würde, konnten sie nicht ahnen … … So ist es, wenn Menschen auf dem Weg sind.

Gedämpft. Traurig. Bleiern.
Ich möchte die Sakristei nicht verlassen. Und bin froh wieder in ihr zu verschwinden. Ich möchte nur schweigen. Weinen. Jedes Wort kostet mich unheimliche Kraft. Das Gewand hängt schwer. Am liebsten nicht anlegen. Diese Kirchenkleidung. Ein Organist sagt: „Ich schäme mich. Wirklich. Ich schäme mich.“
Im großen Hochgebet: ein Loch. Ich kann nicht für Papst und Bischöfe beten. Es will mir nicht über die Lippen. Es geht nicht. Diese in jeder Messe ins Gebet genommenen, die „aus Versehen“ es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, die Priester von jetzt auf gleich suspendiert haben, wenn sie zu ihrer Partnerin, zu ihrem Partner standen, aber Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt vertuscht haben, machen einfach weiter, hoffen, dass man ihnen keine Fehler nachweisen kann. Und wenn doch? Kaum Konsequenzen.
Keiner redet offen über priesterliche Lebensform. Über Zölibatsschwierigkeiten und Ersatzbefriedigungen, über die missbräuchliche Macht. Die Angst vor Frauen. Über das Männerbündnische, das sich gegenseitig schützen, vielleicht in der Hand haben.
Nein. Jetzt kommen andere ins Gebet, in die Mitte: die tausendmal Getretenen, die Missbrauchten, die von der kirchlichen Macht Erdrückten, die für ihr Leben Gezeichneten.
Mir fällt es schwer, Lieder auszuwählen. Was geht überhaupt noch? „Herr, du bist mein Leben, Herr, Du bist mein Weg. Du bist meine Wahrheit, die mich leben lässt. Du rufst mich beim Namen, sprichst zu mir Dein Wort, und ich gehe Deinen Weg, so lange Du es willst. Mit Dir hab ich keine Angst, gib Du mir die Hand und ich bitte, bleib doch bei mir.“ Unser Glaubensbekenntnis heute. Ich höre die anderen singen. Das gibt mir Kraft. Und gleichzeitig höre ich einen, der jahrzehntelang engagiert war, der mir in dieser Woche sagte: wenn es heißt, „ich glaube an die hl. katholische Kirche schweige ich“. Schon lange. Das bete ich nicht mit.
„Du bist mein Leben“. Hält dieser Glaube? Oder reißt ihn das Vertuschen des Vertuschens in den Abgrund? Geht das, Kirche in der Kirche sein? Es ignorieren, das „eigene Ding drehen“? Bei uns sind alle herzlich willkommen: auch die, die aus der Kirche ausgetreten sind, um sich selbst zu bewahren und ihren Glauben zu schützen, die queeren allemal, die schrägen, die sich nach einer zerbrochenen Ehe neu verliebten und vermählten Menschen. Alle. Selbstverständlich auch zur Kommunion. Niemand fragt! Im Gegenteil: kommt. Das stärkt. Das bindet mich. Der Papst nicht! Der Bischof nicht!
Dazu gehörig fühlte ich mich nie ganz. Als schwuler Mann nur geduldet, sich versteckend, genau wissend, was die kirchliche Lehre sagt: Widernatürlich. In sich gestört. Auch deswegen konnte ich nie Priesterkleidung tragen, werde es nie. Meine Zugehörigkeit zur Kirche ist nicht ganz. Sie ist gebrochen. Zumindest ab dem Augenblick, wo mir klar war, wie und wer ich bin und dass es für mich kein vorbehaltloses Ja gibt seitens dieser Amtskirche.
Wie lange kann man den Glauben an Gott und das in der Kirche sein zusammen halten? Wann geht es nicht mehr? Im Moment hält mich der Beruf in der Kirche, der Glaube nicht. Mein Glaube ringt eher, kämpft. Ich muss ihn schützen gegen das Gerede, gegen die Absichtserklärungen, die schon jahrelang zu hören sind, gegen das Vertrösten, gegen das „es braucht Zeit“, „das geht so schnell nicht“. Ja, und Menschen halten mich, die ebenso fragen, denen es die Sprache verschlägt.
„Ein Funke aus Stein geschlagen…die Kraft zum neuen Beginn“… Ich beobachte eine Frau bei diesem Lied. Sie geht ganz darin auf. Ihr ganzer Körper, sie selbst wird zum Lied. Meine Augen werden feucht. Was für ein Glaubenszeugnis. Ich kann es im Moment nicht geben.
Diese Kirche braucht eine Auszeit. Nicht zum Schweigen, aber zum Klagen. Zum Schreien. Zum Wut raus lassen. Zum ehrlich werden. Zum Hinschauen. Zum Aufarbeiten. Das Schweigen kommt noch lange nicht.
Ich kann die bischöflichen Worte nicht gut haben, ich kann sie gar nicht haben. Mir erscheinen sie von den Medien abgetrotzt, wären die Kirchenaustritte nicht so bedrohlich, blieben die Medien nicht am Ball: die klerikale Macht regierte ungebrochen weiter. Wäre es nicht an der Zeit, die Bischöfe als die Oberhirten sprächen mit jedem Priester, mit jeder Gemeindereferentin, jedem Gemeindereferenten: persönlich, interessiert, zuhörend? Nicht wie bei der Visitation: hast du dein Testament schon gemacht? Nimmst du jährliche Exerzitien? Wie hältst du es mit dem Brevier? Sondern in einem angstfreiem Gespräch: wie lebst du? Wie geht es dir wirklich? Was fühlt deine Seele? Wonach „schmachtet dein Leib“ (wie es im Psalm heisst)?
Ich habe in den 30 Jahren den Eindruck gewonnen, dass man nicht hören will, nicht hören kann. Lieber selber reden. Und eine Atmosphäre schaffen, in dem ehrliche Worte nicht möglich sind. OutInChurch eben nicht! Und vieles andere nicht. Wegsehen. Nicht wissen wollen.
Bei euch soll es nicht so sein – sagt Jesus. Ist es aber! Gedämpft. Traurig. Bleiern. Und müde!

Leseprobe

 

Gottesdienst: https://www.youtube.com/watch?v=0q2WKPxsMlo

Liebe gewinnt. Liebe ist ein Segen. Menschen, die sich lieben, sind ein Segen. Am 10. Mai 2021 haben Seelsorger:innen und Theologe:innen an unterschiedlichsten Orten in Deutschland zu Segnungsgottesdiensten eingeladen. Wir feiern die Vielfalt der verschiedenen Lebensentwürfe und Liebesgeschichten von Menschen und bitten um Gottes Segen.

Zur Realität unserer Kirche gehört bislang, dass eine Segensfeier für homosexuelle Paare und für Menschen, die nach einer zerbrochenen Ehe sich neu verlieben, wenn überhaupt meist heimlich passieren muss. So ein Segen durch die Hintertür ist beschämend – für die zu Segnenden und für die Kirche.

Am 10. Mai ist laut ökumenischem Heiligenlexikon einer der Gedenktage des Noah. Er ist in der Bibel der Stammvater aller Geschlechter. Gott sandte ihm den Regenbogen als Zeichen seines Bundes. Der Name Noah bedeutet übersetzt: der Ruhe Bringende, der Tröster.

Am 10.05. haben wir in St. Agnes einen Segnungsgottesdienst gefeiert, der auch noch auf YouTube zu sehen ist.

Weitere Informationen finden auf www.Liebegewinnt.de

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