Pfingsten 2024 Joh 15,26-27; 16,12-15
„Der Heilige Geist ist keine Zimmerlinde,
vielmehr vergleicht die Schrift ihn mit dem Winde.“
Dieses Wort stammt von dem 2017 verstorbenen
Pfarrer und Lyriker Kurt Marti.
Wind weht nicht dort, wo wir es wollen.
Der Hl. Geist ist kein Einrichtungsgegenstand,
sein Wirken lässt sich nicht kanalisieren oder in Bahnen lenken.
Er ist unberechenbar.
Sein Wirken lässt sich nicht in ein Kirchenjahr integrieren,
in dem er 50 Tage nach Ostern seinen großen Auftritt hat,
gezähmt sozusagen, harmlos,
in einer Dosis, die kaum etwas bewirkt, uns jedenfalls ruhig sitzen lässt,
Denn morgen – übermorgen – ist es ja vorbei.

Dieser Tage habe ich einige Texte der 2003 verstorbenen
großen evangelischen Theologin Dorothee Sölle erneut gelesen,
eine Frau, von der ihr Mann sagt:
„Sie war eine gegensätzliche Frau.
Sie war eine ebenso sanfte Frau, die sonntags in die Kirche gegangen ist,
im Kirchenchor gesungen hat, Klavier gespielt hat, die Blumen geliebt hat. Und sie war eine zornige Frau. Und Zorn ist eine Begabung des Herzens. Wer Unrecht sieht und nicht zornig ist,
der ist verstümmelt und sie konnte sehr in Rage geraten.“

Für mich ist diese Frau ein Beispiel für den Wind,
für das Sturmbrausen des hl. Geistes.
Sie überprüfte gängiges Reden von Gott,
ob es in der Gegenwart noch standhalten kann.
Nach 1945 überwog auch in den Kirchen die Haltung,
wieder da anzufangen, wo man 1933 aufhören mußte.
Dorothee Sölle hat nachdrücklich immer wieder zum Ausdruck gebracht,
dass sich die theologische Sprache
nach den Verbrechen des Dritten Reiches ändern muss,
dass man nicht einfach weiter machen kann.
Sie sagt:
„Für mich wichtigstes Thema war die Frage nach der Allmacht Gottes:
Wo war Gott in Auschwitz? Warum hat er die Züge nicht angehalten?
Wenn er doch alles kann per Knopfdruck?
Wenn er da oben sitzt an seinem Schaltbrett und hat eine Milliarde Knöpfe, hätte er es doch machen können.
Oder hatte er kein Interesse daran?
Ich habe lange gerungen und ich denke, dass es eine falsche Vorstellung ist. Ich hab es auf die Formel gebracht:
Gott war sehr klein in dieser Zeit in Deutschland.
Er hatte fast keine Freunde und Freundinnen. Und Gott braucht uns.“

(Ein Gedankengang, den ich in der Kirche nicht geäußert habe:
Wieviel Freundinnen und Freunde hat Gott in unserer Zeit
in einer Gesellschaft, die politisch tatsächlich von der AfD
mittlerweile wenn nicht „gejagt“ aber doch arg beeinflusst wird?
Und sind Freundinnen und Freunde Gottes zwangsläufig in der Kirche,
wenn eine jetzt veröffentlichte Priesterstudie sagt,
jüngere Priestern seien bei Themen des Synodalen Weges eher skeptisch.
(Bei der Herkunft jüngerer Priester sei insgesamt
eine erhebliche Milieuverengung zu beobachten.
So kommen neue Priester vorwiegend aus konventionell orientierten
oder konservativen Milieus – schreibt katholisch.de)
Und wie groß ist mittlerweile die Schnittmenge konservativer Milieus
mit der genannten Partei?)

Es gibt Einschnitte, die verändern alles, stellen alles in Frage,
verlangen nach einer neuen Sprache,
weil die alte mit ihren Vorstellungen versagt hat oder entlarvt wurde.
„Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret?“
Eine Allmacht Gottes, die jederzeit eingreifen kann?

Auch nach dem Aufdecken
der schweren Missbrauchsverbrechen in der Kirche und ihrem Vertuschen
ist eine Zeit angebrochen, die – ich finde – fragen lassen MUSS:
Passt das noch alles, was wir singen und beten?
Hält es der mitunter grausamen Wirklichkeit stand?
Schwingt nicht in vielem etwas mit,
was Kirchenmänner mit einer Macht versehen
und in ein System eingebunden hat, das anfällig ist für Machtmissbrauch?

Fragen, unbequeme Fragen, sind Wehen des Hl. Geistes.
Sie wirbeln mitunter alles durcheinander,
sie nötigen zu Korrekturen, manchmal rütteln sie auch an den Fundamenten.
Bei Jesus war das so, mehr als ein Rütteln an Fundamenten,
so dass er den Menschen mit den Zimmerlinden,
so dass er allen, die sich eingerichtet haben im Glauben, mehr als nervig ist:
Ausschalten und zum Schweigen bringen fortwährend,
auch und gerade im Kreis der vermeintlich Frommen.

„Wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit,
wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten.“
Weil noch vieles aussteht,
weil noch nicht alles erkannt ist,
weil noch viel zu korrigieren ist,
weil man nach schweren Ereignissen nie einfach so weiter machen kann,
als wäre nichts gewesen,
weil sich Vorstellungen von Gott ändern müssen durch das, was wir erleben,
weil wir die Wahrheit nicht gepachtet haben.

In den Worten von Dorothee Sölle:

„Vom baum lernen
der jeden tag neu
sommers und winters nichts erklärt
niemanden überzeugt
nichts herstellt
einmal werden die bäume
die lehrer sein
das wasser wird trinkbar
und das lob so leise
wie der wind an einem septembermorgen.“

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